1970

Predigt am Reformationsfest 1956 in Rheinbach

(Jesaja 11,13) Und der Neid Ephraims wird aufhören und die Feindschaft Judas ausgerottet werden, daß Ephraim nicht mehr neidisch ist auf Juda und Juda nicht mehr Ephraim feind ist.

Liebe Brüder!

Heute feiern wir unser Reformationsfest und morgen werden unsere Brüder ihr Allerheiligenfest feiern. Und dass dem so ist, dass wir an verschiedenen Tagen feiern, das ist nun wahrlich kein Grund und Anlass zu lauter Freude und wenn wir auch dankbar sind für die grosse Gabe, die unser Vater im Himmel durch seinen Knecht Martin Luther uns hat zukommen lassen, so können wir dann doch nicht vergessen, dass seit dieser Zeit durch unsere Christenheit ein grosser Riss geht. Und solch ein Riss, der ist eben doch nicht Anlass zur Freude und zu eitel Jubel. Das ist Grund zur Trauer. Und darum möchte ich heute einmal eine Predigt halten über das Verhältnis beider Konfessionen zueinander, gegenüber dieser Spaltung, die durch unsere Christenheit geht.

Da möchte ich zu allererst mein evangelisches Bekenntnis ablegen. Ich bin evangelisch, nicht nur weil ich evangelisch geboren und erzogen bin, sondern ich bin evangelisch mit ganzem Bewusstsein und mit vollem Willen. Und dass ich mich selber einmal etwas rühme: ich glaube, ich weiß besser, warum ich evangelischer bin als mancher, der heute wacker in das protestantische Horn bläst. Es könnte der evangelischen Kirche so schlecht gehen wie es wolle; ich glaube, ich könnte nie katholisch werden. Und wenn ich sage: es könnte unserer Kirche einmal schlecht gehen, liebe Freunde, dann meine ich nicht, dass sie nun einem übermächtigen Angriff von aussen erliegen könne. Solche Angriffe übersteht man, und solche Angriffe hat auch jede Kirche viele überstanden, sondern das meine ich: unsere evangelische Kirche könnte einmal an ihrer eigenen inneren Auflösung zu Grunde gehen. Diese Kirche, in der es so viele Spaltungen und Parteien gibt, diese Kirche, in der jeder tun und lassen kann, was er will, die könnte sich einmal selber auflösen und an einer inneren Auszehrung sterben. Und selbst wenn das geschähe, ich könnte trotzdem niemals katholisch werden. Dies mein evangelisches Bekenntnis.

Aber nun habe ich euch hier ein Textwort vorgelesen, das mit Reformation anscheinend gar nichts zu tun hat. Das steht etwas drin von Juda und Ephraim und das zwischen diesen beiden der Neid und die Feindschaft eines Tages aufhören soll. So hat es der Prophet Jesaja geweissagt. Wenn ich an die Zerspaltetheit unserer Christenheit denke, an evangelisch und katholisch, dann bewegt mich das ungefähr so, wie es einen frommen Israeliten bewegt haben muss, dass sein Volk in die beiden Reiche Juda und Ephraim zerspalten war. Das war nun das Reich des Vaters David, das Reich der Verheissung, das Reich, das auf den Messias wartete. Das Reich war nicht mehr einig, es war geteilt. Da gab es nun zweierlei Fürstenhäuser und zweierlei Residenzen und sogar zweierlei Tempel und zweierlei Gottesdienste. Da war der eine Gottesdienst in Bethel für Ephraim und der andere in Jerusalem für Juda. Darüber konnte kein rechtschaffener Israelit sich freuen, sondern darüber musste er tief trauern. Sie waren ja alle Abrahams Samen. Sie gehörten ja alle zu demselben Volk der Verheissung. Und eben dieses Volk der Verheissung war sich nicht einig und war nicht eins.

Seht, liebe Freunde, so sehe ich das auch zwischen unseren Konfessionen an. Darum meine Trauer. Und ich meine, wenn wir wirklich Jünger unseres Herrn Jesus Christus wären, dann müssten wir vor allem in dem anderen den Christen sehen. Dann müssten wir uns zunächst einmal zu ihm bekennen als zu dem, der an den dreieinigen Gott glaubt und dieselbe Bibel hat wie wir und dasselbe Glaubensbekenntnis hat wie wir. Und bei alle den Verschiedenheiten und Gegensätzen, die da sind und die ich wahrhaftig nicht für bedeutungslos halte, müssten wir doch vor allen Dingen in dem anderen den Christen sehen . Und erst, wenn wir ihn als Christen ernst genommen haben, dann könnten wir uns darüber unterhalten, was wir als Christen einander zu sagen haben, vielleicht auch an einander auszusetzen haben. Aber wir dürfen den Christen in dem anderen nicht verleugnen. Denn nur, wenn wir den anderen als Christen ernst nehmen, dann nehmen wir auch uns als Christen ernst.

Liebe Brüder, lasst mich da einmal ein offenes Wort sagen. Seit 450 Jahren, seit den Tagen der Reformation warten brave Evangelische darauf, dass endlich der grosse Antichrist in Rom von dem Herrn Jesus Christus gestürzt und vom Thron gestossen werde, und dass ihr Recht, das evangelische Recht, siegreich durch den Herrn Jesus Christus an den Tag gebracht werde. Seit genau so viel Jahren wartet die katholische Kirche darauf, dass nun endlich die grosse Ketzerei aus Wittenberg von dem Herrn Jesus Christus gerichtet werde und zu Boden gestossen werde und dass nun ihr Recht, ihr katholisches Recht, durch den Herrn Jesus Christus siegreich an den Tag gebracht und bestätigt werde. Und seht, wir leben schon seit 450 Jahren nebeneinander her, und der Herr Jesus Christus lässt beide am Leben und richtet keinen, sondern er hat Geduld mit beiden, und er bekennt sich zu beiden und er erhält beide. Müssten wir nicht daraus etwas lernen? Nämlich, dass es einfach dem Herrn Jesus Christus nicht gefällt, so zu richten, wie wir uns das vorstellen und wie wir auch gleich bereit sind, einer über den anderen, eine Konfession über die andere, zu richten. Anscheinend ist das nicht der Wille unseres Herrn. Und ich meine, für diesen alten Eigensinn, mit den wir, der eine dem anderen die Hölle und das Verderben wünschen, für diesen alten Eigensinn würden wir gar beide in gleicher Weise von unserem Herrn Jesus Christus bestraft, dadurch nämlich gestrafft, dass beiden Kirchen die Leute weglaufen und ihre Schar immer kleiner wird. Ich meine nicht die Schar, die äusserlich der Kirche angehört, sondern die Schar, die wirklich ehrlich an ihren Gottesdiensten teilnimmt. Und dann denke ich an all die Mischehen zwischen evangelisch und katholisch, die einfach dahin sich flüchten, dass sie in keine Kirche mehr gehen, um überhaupt von diesem konfessionellen Streit in Ruhe gelassen zu werden. Vielleicht ist auch noch erinnerlich das lustige Buch „Don Camillo und Peppone“. Neben manchem Spass steht in ihm auch viel Ernsthaftes. Und wahrhaft erschütternd ist die eine Szene, wie da die beiden alten, verfeindeten Nachbarn oben auf dem Damm des Flusses ihren alten Hader austragen und noch einmal sich gegenseitig an die greisen Köpfe fahren. Und wie ihre Kinder dastehen und kein Verständnis mehr haben für diesen alten Hass und Streit. Er ist ihnen gleichgültig geworden.

Seht, liebe Freunde, dass es uns nur nicht so geht, dass wir in unserem Konfessionen Hader und Streit uns so gegeneinander verrennen und verbeissen, das nachher die späteren Generationen dafür kein Verständnis mehr haben und einfach unbeteiligte beiseite treten und sagen: lasst die Alten sich streiten so lang wie sie wollen, wir haben dafür keinen Sinn mehr; uns ist die Ursache dieses Streites gleichgültig geworden.

Dann müssten wir uns eigentlich, liebe Freunde, ja wieder vereinigen. Aber mit der Wiedervereinigung ist das nun eine sehr aussichtslose Sache. Wer soll sich zu wem wieder vereinigen? Oder auf welcher Mitte soll man sich dann treffen? Und wenn man sich so leicht auf irgendeiner Mitte treffen könnte, ja, liebe Freunde, dann wäre ja der ganze Streit von damals wirklich sinnlos gewesen. Dann hätten unsere Väter im Glauben ja Unrecht gehabt, wenn sie einen solchen Riss getan und einen solchen Brand entfacht hätten. Dann wäre es ja nur ihre Kurzsichtigkeit gewesen oder ihr Eigensinn, dass man sich nicht schon damals geeinigt hätte. Und trotz der vielen Versuche, die damals gemacht worden sind, jahrzehntelang gemacht worden sind, hat man sich nicht einigen können. War das alles ein Irrtum? Ich meine nicht, ich nehme den Gegensatz sehr ernst und ich will nicht sagen, dass kein ernsthafter Unterschied das sei und das alles Bagatellen seien. Ich nehme den Gegensatz so ernst, wie unser Herr Jesus Christus den Gegensatz zwischen den Juden und den Samaritern als den Nachfolgern von Ephraim auch ernst genommen hat. Denn aus seinem Munde stammt das Wort an die Samariterfrau am Jacobsbrunnen: „Ihr Samariter wisset nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden“. (Joh. 4,22) So hat er sich zu seinem jüdischen Volk und zu seinem jüdischen Reich bekannt, so ernst nahm er diesen Gegensatz. Und deshalb scheint mir die Wiedervereinigung in einem sehr weiten Feld zu liegen. So geschwind geht das nicht. Nur in einem Stück kann ich nicht mehr so wie unsere Väter im Glauben handeln und denken. Ich kann nicht den katholischen Bruder in die Hölle verdammen. Ich kann ihm nicht das Christsein und seinen Glauben absprechen. Ich kann nicht in Zweifel ziehen, dass man in der katholischen Kirche auch selig werden kann wie in unserer Kirche auch. Trotz aller Gegensätze, trotz aller verschiedenen Meinungen, ich kann nicht mehr so singen, wie damals gesungen worden ist: „Erhalt’ uns, Herr, bei Deinem Wort, steur’ Papstes und der Türken Mord“. Seht, in dem Stück haben wir etwas dazugelernt. Gott hat Geduld mit uns beiden, mit den Evangelischen und mit den Katholischen und er ist nicht so schnell im Verdammen und verurteilen, Gott sei Dank nicht so schnell, wie wir. In dem Stück wollen wir neu anfangen, ein neues Verhältnis zueinander zu finden. Seht einmal, wie bescheiden ist hier der Prophet Jesaja geworden, wenn er an den Gegensatz zwischen Juda und Ephraim denkt. Er weißsagt nicht, dass nun beide wieder ein Reich werden und dass der Riss nun irgendwie ausheile, er ist schon dankbar dafür, wenn einmal der Tag kommt, an dem Juda nicht mehr Ephraim beneidet und Ephraim nicht mehr streitet wieder Juda. Dass der Hass, der Neid und die Zwietracht aufhöre, dass man im anderen wieder das Glied desselben Volkes sehe, den von Gott Auserwählten, den von Gott mit berufenen, das ist ihm schon genug. Und so meine ich, müsste es auch zwischen uns sein.

 

Wiedervereinigung, liebe Freunde, auch davon reden die Propheten. Und das ist dann auch einmal geschehen. Aber das ist auf eine so merkwürdige andere Art geschehen, dass wahrscheinlich von denen, die von Wiedervereinigung sprachen und auf Wiedervereinigung hofften mit dieser Art von Wiedervereinigung keiner zufrieden gewesen wäre. Wann geschah denn die Wiedervereinigung. Wann geschah die Wiedervereinigung zwischen Juda und Ephraim. Sie geschah damals, als sowohl Juden als auch Samariter sich taufen liessen und in die Gemeinde Jesu Christi eintraten, als der Herr Jesus Christus von eben diesen Juden mit allen diesem Recht, was sie haben wollten, ans Kreuz geschlagen wurde, als seine Apostel erstaunten zu hören, dass man selbst in Samaria das Wort Gottes annahm, und als dann diese Wiedervereinigung noch viel weiter ging und selbst der Apostel Petrus, trotzdem er das nicht vorhatte, sich gar nicht anders zu helfen wusste, als Heiden zu taufen, weil auch auf das heidnische Haus des Hauptmanns Cornelius der Heilige Geist gefallen war. Sehr gegen das Widerstreben der Menschen, der wackeren Juden und der wackeren Samariter, sehr gegen menschliches Widerstreben, hat diese Wiedervereinigung stattgefunden. Von dieser Wiedervereinigung spricht der Apostel Paulus in dem Brief an die Epheser: „Er, der Herr Jesus Christus, ist unser Friede, der aus beiden eins hat gemacht und hat abgebrochen den Zaun, der dazwischen war, indem er durch sein Fleisch wegnahm die Feindschaft, nämlich das Gesetz, so in Geboten gestellt war, auf dass er aus zweien einen neuen Menschen in ihm selber schaffe und Frieden macht“.(Eph. 2, 14 u. 15)

 

Seht, liebe Freunde, das war die Wiedervereinigung, und ich meine, wenn es einmal Wiedervereinigung zwischen unseren Konfessionen gibt, geben soll und geben wird, dann kommt sie vielleicht auch auf eine Art und Weise, die uns alle höchst überraschen wird, höchst unerwartet sein wird. Und ich möchte mich da für jede Überraschung bereit und offen halten und möchte von mir aus weder ein Programm noch einen Plan machen, wie ich mir wohl eine Wiedervereinigung denken könnte. Sie wird von unserem Herrn Jesus Christus bestimmt nicht so gemacht werden, wie wir es uns denken.

 

Wenn wir nun heute unser Reformationsfest feiern, und wenn wir heute singen: „ und wenn die Welt voll Teufel wär’ und wollt’ uns gar verschlingen“ , liebe evangelische Brüder, dann wollen wir uns nicht in die Brust werfen. Gegen wen wollen wir uns denn in die Brust werfen? Gegen unsere katholischen Mitchristen, die mit uns zu demselben Herren beten, die mit uns dasselbe Bekenntnis haben? Und vor wem wollen wir uns denn brüsten? Vor unserem Herrn Jesus Christus? Das wird ihm sicher nicht imponieren, wenn wir uns vor ihm in die Brust werfen, sondern ich meine so: es ist ein Wunder unseres Herren und seiner Gnade, dass er beide Konfessionen mit ihren Fehlern, Schwächen und Gebrechen duldet und zeigt, dass er uns beide noch nicht längst leid ist, uns beide noch nicht längst abgeschrieben hat, sondern uns immer noch gestattet und erlaubt, seinen Namen zu tragen, diesen Namen sehr unwürdig vor der Welt zu vertreten, diesem Namen nicht nur Ehre, sondern viel Schande zu machen mit unserer Schwäche, mit unserer Gebrechlichkeit, mit unserem fleischlichen Eifer, mit all dem, was uns an Sünden und Ungerechtigkeiten anhängt. So erträgt und duldet für uns, die wir seinen Namen tragen. Das ist mir immer ein tröstliches Zeichen. Trägt er diese Kirchen solange mit all ihren Fragwürdigkeiten, nun, dann wird er auch dich und mich, uns arme Sünder, auch mit unseren Schwächen und Gebrechen, ebenso geduldig tragen bis an unser Ende. Nicht das macht es, liebe Freunde, dass wir uns gegenseitig als die besseren Christen aufspielen, nicht dadurch imponieren wir unserem Herren, dass wir uns vor ihm brüsten und rühmen, sondern das wir seine Geduld und seine Barmherzigkeit mit uns allen rühmen. Und darum meine ich, die Konfessionen müssten zueinander ein ganz anderes Verhältnis gewinnen. Und darum meine ich, ehe wir anfangen, uns unsere Gegensätze ins Gesicht zu sagen, müssten wir zunächst einmal an erster Stelle in dem anderen den Christen sehen, den Bruder sehen und den Bruder erkennen, der mit uns an denselben Herrn Glaubt und der mit uns zu demselben Herren berufen ist.

 

Amen