1970

Predigt am Reformationsfest 1970 in Rheinbach

Text: Psalm 46, 2—8

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den grossen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. dennoch soll die Stadt Gottes feinlustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen. Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt. Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.

Liebe Gemeinde.

Nach diesem Psalm hat Luther sein Lied gedichtet: „Ein feste Burg ist unser Gott“. Es vergeht wohl kein Reformationsfest, ohne dass dieses Lied gesungen würde. Unter welcherlei Umständen aber und in wie vielen Stimmungen wird es wohl gesungen worden sein? Als Luther sein Lied dichtete war alles klar. Die Kirche stellte sich über das Wort. Die Kirche allein hatte den rechten Schlüssel zur Auslegung. So wie die Kirche es auslegte, musste es verstanden werden. Der Einzelne konnte und durfte nichts anderes aus dem Wort herauslesen, als was die Kirche festgelegt hatte. Luther dichtete nun: „Das Wort sie sollen lassen stahn“. Unwillkürlich gedenkt man dessen, dass man dieses Lied selbst auch unter mancherlei besonderen Umständen gesungen hat und sich mancherlei dabei gedacht hat.

Da war in der Jugend die kaiserliche Zeit, als man sang: “Das Reich muss uns doch bleiben“. Ob damit Gottes Reich oder das Deutsche Reich gemeint war, war dem jugendlichen Menschen ziemlich unklar.

Es folgte die Weimarer Zeit. Deutscher Protestantismus stand gegen römischen Katholizismus. Die Tage waren angefüllt mit dem ewigen Zank um Positionen und Stellungen, — dass nur ja der evangelische Einfluss nicht zurück gedrängt würde, dass nur ja durch den Katholizismus nicht alle entscheidenden Positionen besetzt wurden!— Dabei sang man mit geschwellter Brust: „Ein feste Burg ist unser Gott“.

Dann kommt die Zeit des Kirchenkampfes. In der ,,Barmer theologischen Erklärung“ heisst es: „Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“. So unbekümmert und selbstverständlich wie früher konnten wir nun nicht mehr singen: “Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, lass fahren dahin“. Manchen hat es seinen Leib gekostet. Mancher hat an Gut und Ehre Schaden gelitten. Kind und Weib haben zuweilen auch ihren Packen zu tragen gehabt. Es war nicht mehr so ganz einfach und selbstverständlich wie früher von dem Wort Gottes zu reden, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.

Heute sind wir wieder in einer ganz anderen Lage. Es ist offenbar, dass ein Riss durch unsere Kirche geht. Wir wissen aber nicht recht, wie er verläuft, wo er seinen Anfang nimmt, wo nun die Wurzel des Schadens aufzuspüren ist. Ich habe nie gedacht, dass in meiner Lebenszeit einmal eine Auseinandersetzung über den ersten Artikel kommen würde. Auseinandersetzungen über den zweiten Artikel, über Jesus Christus als den Sohn Gottes, seine Auferstehung, seine Himmelfahrt, das gehörte auch schon früher zum täglichen Brot eines Theologen. Aber dass einmal der erste Satz unseres Bekenntnisses fraglich sein würde, “Ich glaube an Gott“, das konnte man sich früher nicht vorstellen. Wir waren auch alte einig in dem, dass wir an diesen Gott als den Schöpfer Himmels und der Erden glaubten. Sonst war man eben ein Atheist. Nun hören wir innerhalb der Kirche das Gerede: “Gott ist tot“. Und man will dennoch ein guter Christ sein. Was geht hier vor? Wo sind nun die anderen, denen wir entgegen singen: “Das Wort sie sollen lassen stahn“ und wer sind wir selber, die wir auf uns die Worte beziehen:

“Er ist bei uns wohl auf den Plan“?

Hören wir doch etwas genauer hin auf den Wortlaut des Liedes, das wir gesungen haben! Es ist ein Kampf entbrannt zwischen dem altbösen Feind und Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Wie kommt es überhaupt, dass jener der Fürst dieser Welt ist und nicht Christus? ‘Gross Macht und viel List sein grausam Rüstung ist“. So dichtet Luther. Grosse Macht, das ist uns vielleicht einsichtig. Aber wir übersehen seine vielfältige List. Seine raffinierteste List bestehe darin, dass er sich unauffällig und unbemerkbar macht, so dass niemand mehr mit ihm rechnet, so dass jedermann sich lächerlich macht, der überhaupt an seine Existenz glaubt. Im Verborgenen blühen am besten seine Geschäfte. Der Kampf zwischen Christus und seinem Widersacher geht ja um uns und wir sind davon betroffen, wem wir zum Eigentum gehören. Dabei ist das Peinliche, daß wir nur die Rolle passiver Zuschauer spielen. Wir können uns gegen die listigen Anläufe des Teufels nicht wehren. Wir können gegen seine Macht nichts aufwenden. Wir können uns auch nicht im Verein mit Christus seiner erwehren. „Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren

Ist das nun unser Weltbild, so wie wir es heute noch haben und voraussetzen? Oder ist der Teufel so heruntergespielt worden, dass es ein rückständiges Verhalten ist, an ihn noch zu glauben? Wir hören, wie die anderen sagen: „Ihr Christen habt bisher die Welt nicht verändert. Nun gehen wir einmal daran, und was ihr versäumt habt, das wollen wir zuwege bringen. Wer uns hilft, dass die Welt in Ordnung kommt und uns hilft, daß die Welt heil wird, der ist uns recht. Was er glaubt, ist uns nicht so wichtig, wenn er uns nur hilft in unserem guten Willen, endlich die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Man traut sich also auf dieser Seite ganz naiv sehr viel Macht zu und rechnet nicht mehr mit dem altbösen Feind.

Der Vorwurf ist nicht neu, der da lautet: Ihr Christen habt die Welt zum Jammertal gemacht. das hätte Luther nie getan. Er hat die Welt bejaht und der Weltflucht ins Kloster ein Ende gemacht. Das stimmt so nicht. Er hat es doch getan. Er hat doch die Welt ein Jammertal genannt. Wer seinen kleinen Katechismus gut auswendig gelernt hat, der wird sich an die Auslegung der siebten Bitte des Vaterunsers erinnern: „Und mit Gnaden aus diesem Jammertal zu sich nehmen in den Himmel“. Bald ist wieder Weihnachten. Wenn wir dann singen: „Gelobet seist du, Jesus Christ‘, so werden wir auch singen: „... und führt uns aus dem Jammertal, er macht uns Erben in sein’m Saal, Kyrieleis“ Ich vermute sogar, dass das Wort Jammertal eine eigene Sprachschöpfung Luthers ist. Wir verdanken ihm ja eine ganze Reihe Wörter, um die er die deutsche Sprache bereichert hat. Auch das Gerede von dem Luther, der die Welt bejaht hat, ist gedankenlos oder will Luther absichtlich missverstehen. Er hat nur gesagt, daß das Kloster nicht ausserhalb der Welt steht und dass der Mensch, der Mönch werden will, seine Weltlichkeit nicht an der Klosterpforte ablegen kann, sodass es gar keinen Zweck hat ins Kloster zu gehen, um der Welt zu entfliehen. Der Mensch schleppt ja selbst die Welt ins Kloster mit ein. Luther muss es ja wissen; er hat es ja am eigenen Leib erfahren.

Wo stehen wir selbst in dem Zwiespalt, der heute in unserer Kirche ausgebrochen ist? Hier helfen uns am ersten einige Schriftworte, an denen wir uns testen können. So heißt es zum Beispiel Eph. 2,19: „So seit ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der heiligen und Gottes Hausgenossen“. Gibt es denn überhaupt so etwas wie Heilige und wagen wir es, uns selbst dazu zu rechnen? Noch deutlicher spricht ein anderes Wort aus dem ersten Petrusbrief. Es lautet: ‚ Ihr aber seit das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums“. Wenn wir hier hören aber und dies aber wollen wir uns unterstrichen denken, wer sind denn die anderen? Es gibt so etwas wie eine Ausrede, die spricht davon, dass wir Bürger zweier Welten wären. Dass wir in der Welt beheimatet sind und ebenso ein Anrecht auf das Reich Gottes haben. Das meint Petrus nicht. Er sagt Kapitel 2 Vers II: „Ich ermahne euch als Fremdlinge und Pilgrime“. Das sind dieselben Worte, die wir schon vom Apostel Paulus gehört haben: „Ich ermahne euch als Gäste und Fremdlinge“. Nur sind sie hier andersherum gebrauchte Ihr seid jetzt Fremdlinge und Pilgrime in dieser Welt. Wer das Bürgerrecht im Reiche Gottes erwerben will, muss seinen irdischen Bürgerbrief abgeben. So einfach, wie es die Redensart von dem Bürger zweier Welten macht, ist es in Wirklichkeit nicht.

Wir können uns einmal mit den Gastarbeitern unter uns vergleichen.— Fremdlinge — Ein Gastarbeiter betrachtet alles von seiner Warte aus und alles sieht er unter einem anderen Gesichtspunkt. Er ist an einigen Fragen; die uns sehr interessieren, überhaupt nicht interessiert. An anderen ist er hingegen selbst beteiligt und verfolgt die Auseinandersetzung in diesem Punkte mit hohem Interesse, ohne selbst mit eingreifen zu können. Zwei Beispiele sollen dies deutlich machen. Der Kampf um neue Lohntarife berührt auch den Gastarbeiter unmittelbar, trotzdem er wenig Gelegenheit hat, sich selbst in diesen Kampf mit einzuschalten. Auf der anderen Seite: Was wir an Fragen einer neuen Bildung und eines neuen Hochschulgesetzes aushandeln, das läßt den Gastarbeiter kalt, denn er ist davon nicht betroffen. So wollen auch wir nun bedenken, was es heißt, in dieser Welt leben und doch nicht zu ihr gehören, unter der Macht des Fürsten dieser Welt stehen und doch an den Sieg des Herren glauben, dem wir zu eigen sind. Die das glauben, gehören zusammen und haben viel miteinander zu reden darüber, wie sie mit dem Zwiespalt fertig werden, in dem sie nun stehen, Wie sie sich in dieser ihnen fremden Welt zu verhalten haben, wieweit sie sich hier einlassen dürfen, ohne ihre eigene Heimat zu verleugnen und zu vergessen. Die gemeinsam auf dem Wege sind und gemeinsam einem Ziel zustreben, gehören notwendigerweise zusammen. Immer noch gleichen wir dem Israel, das durch die Wüste zieht. uns ist nicht aufgegeben, aus der Wüste ein Paradies zu machen. Wir haben nur die Frage, wie wir die Durststrecke überwinden und durch die Wüste hindurch kommen. Wer uns auffordert, wir sollen ihm helfen, die Welt zu verändern, der weiss nichts davon, wohin wir eigentlich gehören und dass unser Interesse an der gegenwärtigen Welt nur beschränkt und begrenzt ist. Wehe aber denen, denen die Wüste zur Heimat wird. Auch das kann vorkommen. Auch in der Wüste kann man sich schliesslich einrichten. Das haben ja manche Nomadenvölker auch getan. Aber auf diese Weise wird man das gelobte Land nicht erreichen und der Verheissung verlustig gehen.

Es geht also, um mit einem Schlagwort zu reden, um unser Engagement. Engagieren wir uns für diese Welt, dass wir eine heile Welt schaffen, dass wir das Unrecht aus der Welt vertreiben, dass wir das Elend in dieser Welt  besiegen, dann ist die Hoffnung auf die Auferstehung und die Hoffnung auf das neue Leben in dem neuen Jerusalem, das von Gott her und vom Himmel kommt, nur wie eine Vertröstung für den Fall, dass es nichts mehr zu hoffen gibt. Es ist so, als ob wir die Augen in dieser Welt zumachen und übersehen, dass die Welt immer noch so ist, wie sie war, als wir anfingen mit unserer Arbeit und mit unseren Hoffnungen. Dann ist das ganze Reden um Auferstehung und ewiges Leben ein fauler Trost. Wenn aber unser Engagement anderswohin zielt, nämlich auf die neue Welt, die heile Welt, die Christus bringt, die ewige Stadt Jerusalem, die vom Himmel kommt, dann sind wir natürlich nicht so sehr daran interessiert, was auf die Dauer aus dieser Welt wird. Wir haben dann nur noch ein begrenztes Engagement in dieser Welt, soweit, dass man in ihr einigermassen leben kann, aber so nicht, dass wir dadurch versäumen, was uns die himmlische Berufung vorhält.

Darum können wir mit gutem Gewissen wieder singen: „Das Wort sie sollen lassen stahn“, nämlich eben das Wort der Verheissung, das uns anderswohin beruft als dorthin, wo wir in der Gefahr sind, uns an diese Welt und in dieser Welt zu verlieren. Es hat wieder einen neuen Inhalt Das Wort sie sollen lassen stahn“ und wir wissen nun, wer gemeint und damit angeredet ist. Und die anderen, die das Wort. nicht stehen lassen wollen, die es angreifen oder umdeuten oder bei Seite schieben, die uns eine neue Weltlichkeit predigen und als unsere Pflicht auferlegen, was wird aus ihnen? Es sind ja keine leichtsinnigen und oberflächlichen Leute. Sie haben ja ihre Ideale und ihre Ziele, für die sie auch etwas opfern. Sie wollen das Beste. Was soll aus ihnen werden? Ich denke, wenn diese anderen dann genug agitiert, demonstriert, propagiert und sabotiert haben, dass sie dann einst mit leeren Händen da stehen, weil es ihnen nicht gelungen ist, die Welt zu verändern und eine heile Welt zu schaffen. Vielleicht daß sie dann zurückfinden, zu uns kommen, um zu hören und uns bitten, sagt uns doch das Wort noch einmal, an das ihr glaubt, ob es jetzt uns helfen kann. Ich glaube das gewiß. All dieser Idealismus, der ohne Zweifel vorhanden ist, muss eines Tages Schiffbruch erleiden. Eines Tages muss die erschütternde Erkenntnis kommen: Unser Einsatz hat keinen Zweck, er führt zu keinem Ziel. Diese Welt ist ein Jammertal, wir haben sie höchstens zum Bösen verändert. Dann wird ihnen von anderswo her Vergebung gepredigt, und sie dürfen Vergebung annehmen, wenn sie es glauben wollen.

Es kommt also auf die Ausrichtung unseres Lebens an. Sind wir auf diese Welt ausgerichtet, ihre Anforderungen, die sie an uns stellt, die Wünsche, die wir an sie haben, unsere Bedürfnisse, die wir befriedigt haben wollen, oder hat das alles für uns nur Zeitbedingten Charakter und sind wir in unserem eigentlichen Wesen, in unserer Hoffnung ausgerichtet auf die andere Welt, an die wir glauben? Diese Frage entscheidet sich heute für uns alle. Diese Etage ist es, die uns trennt. Es ist der Riss, der mitten durch unsere Kirche geht. Er beginnt dort, wo nach unserem Engagement in dieser Welt gefragt wird und endet damit, dass wir an Gott zweifeln oder an Gott glauben, daß er trotz allem, auch trotz unserer Misserfolge, trotz unseres gescheiterten Idealismusses der Herr und Gott dieser Welt bleibt, wie er der Herr der kommenden Welt sein wird, die er uns verheissen hat. Und nun gebe uns Gott seinen Heiligen Geist, daß wir unseres Weges froh und gewiss sind und uns nicht Irre machen lassen von dem vielfältigen und lautstarken Reden um uns her, wir hätten lange Zeit genug gehabt, etwas Gutes aus dieser Weit zu machen, hätten diese Zeit nicht genutzt und nun seien andere daran, die es besser machen wollen. Lasst sie es versuchen! Wir wollen bei unserem Glauben bleiben. Denn es ist ja nicht unser Glaube, sondern ein Glaube an das Wort, das uns ruft und das uns verheisst, was wir aus eigener Kraft nie erreichen können. — Das Wort sie sollen lassen stahn. --

Amen