Reformation

Das erste Gebot.

Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus dem Diensthause geführt habe. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.(II.Mose 20,2-3)

Liebe Brüder,

wo wir in unserer Bibel lesen: "Ich bin der Herr", da las der Jude in seiner hebräischen Bibel den Namen Gottes. So erkundigt sich auch Mose nach Gottes Namen:

"Siehe, wenn ich zu den Kindern Israel komme, und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt, und sie mir sagen werden: Wie heißt sein Name? was soll ich ihnen sagen? - Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: Also sollst du zu den Kindern Israel sagen: Ich werde sein hat mich zu euch gesandt." (II Mose 3,13-14)

Wo wir heute lesen "Ich werde sein", da stand früher auch der Name Gottes, und die Worte "Ich werde sein" sind nur ein Versuch, diesen hebräischen Gottesnamen ins Deutsche zu übersetzen.

Es ist schade, daß Gott in unserer Sprache keinen Namen mehr hat, denn nun meinen wir: Gott ist Gott, und wie wir ihn nennen, ist ja gleichgültig. Diese unsere Meinung müssen wir sofort aufgeben, sobald ein Name auftaucht. Denn auch wir bekennen uns zu einem Namen: Jesus Christus. Durch das Bekenntnis zu ihm sind wir von allen geschieden, die diesen Namen nicht bekennen. Kommt jemand zu uns und versichert: Ich glaube auch an Gott, so müssen wir die Frage an ihn richten: Glaubst du auch an den Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi? Nur dann glauben wir an den selben Gott; sonst glaubst du an einen fremden, mit dem wir nichts zu tun haben und nichts zu tun haben wollen. Durch seinen Namen ist unser Gott von allen anderen fremden Göttern und Abgöttern unterschieden.

Das erste Gebot führt fort: Ich bin ... dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus dem Diensthause geführt habe. Der Gott, der sich dem Volke Israel mit Namen vorgestellt hat, will ihr Gott sein und sie sollen sein Volk sein. Diese Worte pflegen wir in unserem Katechismus beim ersten Gebot nicht mitzulernen, denn wir sind es ja nicht, die Gott aus Ägyptenland geführt hat. Das bringt uns zu der Frage: Was gehen uns überhaupt die Gebote der Juden an? Ist denn ihr Gott auch unser Gott, und sind wir sein Volk so gut, wie das auserwählte Volk es war? Wir müssen uns wirklich einen Augenblick besinnen, mit welchem Recht denn wir sagen dürfen, er sei unser Gott? Der Apostel Paulus preist es im Brief an die Epheser als eines der großen Wunder Gottes, daß die Scheidewand zwischen dem auserwählten Volke und den Heiden durch Jesus Christus gefallen ist. Wir denken an den Taufbefehl, wie unser Herr Jesus Christus selbst die Anweisung gegeben hat: Gehet hin in alle Welt und ... tauft alle Völker! Darum sagt Paulus: Nun seid ihr nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Epheser 2,19) Aus diesem Grund dürfen wir gewiß sein: Es ist wahrhaftig auch unser Gott.

Gott hat große Dinge an seinem auserwählten Volk getan. Um ihretwillen hat er die Ägypter mit zehn Plagen heimgesucht. Er hat sie mit seiner gewaltigen Hand durch das Rote Meer geführt. Da hat er gezeigt, daß er ihr Gott ist.

Nun wird mancher denken: Dann soll er das uns auch einmal zeigen; wir möchten auch einmal solche Wunder erleben. Er kann uns zum Beispiel mal aus diesem Hause herausführen, dann wollen wir ihm glauben.

Daran eben zweifle ich, daß dann viele an ihn glauben werden. Ich zweifle daran, weil ich weiß, wie es mit solchen Versprechungen zu gehen pflegt. Wie oft hat Israel sich gegen Mose empört und gefordert: Führ uns wieder nach Ägypten zurück! Wie schnell war das goldene Kalb errichtet, von dem es hieß: "Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben!" Ein einziges Wunder Gottes würde uns nicht genügen, sondern wir würden sofort mit Abfall drohen, wenn Gott nicht in jeder Verlegenheit hilft, und sprechen: Dann glauben wir eben nicht mehr. Es muß sich bei uns schon mehr wandeln als nur die äußeren Verhältnisse. Es müßte uns schon eine Befreiung aus einer weit anderen Knechtschaft widerfahren als die aus der Strafhaft. Wiederum wollen wir ein Wort des Paulus aus dem Brief an die Epheser hören:

"Da wir tot waren in den Sünden, hat Gott uns samt Christo lebendig gemacht, und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt." (Epheser 2,5-6)

Wer diese Befreiung verspürt hat, der spricht: Wie könnte ich dem Gott, der mir aus meinem ganzen inneren Elend geholfen hat, noch einmal verleugnen; wie könnte ich dem noch einmal absagen, der mich aus dem Tod zum Leben gebracht hat? Es muß also jeder erst selbst etwas von dem gespürt haben, was in den Worten liegt: "... der ich dich aus Ägyptenland, aus dem Diensthause geführt habe..." ehe er wirklich sagen kann: "Mein Gott", und ehe dieser Gott von ihm fordern kann: "Du sollst!"

Vor einiger Zeit hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem gebildeten Mann. Er erwartete eine wichtige Entscheidung seines Lebens und bangte darum, daß die gut ausgehen möge. Weil er evangelisch war, so holte er sich Trost und Zuversicht im evangelischen Gottesdienst, er weihte auch in einer katholischen Kirche ein paar Kerzen, weil das auch nicht schaden kann. Nicht genug damit, er versäumte auch nicht, gute Beziehungen mit dem Aberglauben zu pflegen, ließ sich das Horoskop stellen und die Karten schlagen. Und zu mir sagte er: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß Gott so kleinlich und eifersüchtig ist, es übel zu nehmen, wenn man auch andere Stellen als ihn um Hilfe anruft." Ich konnte darauf nur antworten: Gerade dies steht im ersten Gebot: "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben." Soll er etwa seine Ehre mit einem anderen teilen müssen, daß es am Ende strittig ist, wer nun wirklich geholfen hat? Nun hat er uns das große Vorrecht gegeben, uns als seine Kinder angenommen, daß wir zu ihm, dem Schöpfer und Herrn aller Welt, Vater sagen dürfen. Was würde ein König sagen, wenn sein Sohn sich hinter die Minister stecken würde, um von seinem Vater etwas zu erreichen? Was hätte Ihr Vater gesagt, wenn Sie sich hinter die Dienstboten gesteckt hätten? Er würde sagen: "Bin ich etwa nicht mehr dein Vater?" Genauso würde Gott sagen: "Bin ich etwa nicht mehr dein Gott?" Darum wenden wir uns in unseren Gebeten an keinen Engel, keinen Mittelsmann, keinen Helfershelfer, sondern unmittelbar an unseren Vater im Himmel selbst. Auf diese Rede erhielt ich die merkwürdige Antwort: "Entschuldigen Sie! Zum Kuckuck noch einmal! Warum sagt ihr Pfarrer das einem nicht früher?" Und nun ist es euch gesagt: "Du sollst keinen anderen Gott neben mir haben!"

Das hört sich sehr einfach an, so daß mancher denken mag: Nun, das kann man ja tun. Aber so einfach, wie es klingt, ist es nun doch nicht. Habt ihr noch nie die Erfahrung gemacht, daß alle Dinge von weitem ganz einfach aussehen, aber sobald man sie tun will, daß sie dann erst schwierig werden? Es gibt eine Auslegung des ersten Gebotes, die betet der fromme Israelit so oft, wie der fromme Christ sein Vater-Unser, und diese lautet:

"Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Herr, und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen!" (V.Mose 6,4-5)

Und Doktor Martin Luther schreibt zum ersten Gebot folgende Erklärung: "Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen." Aber was fürchten wir nicht alles! Böse oder gleichgültige Menschen, die taub für unsere Bitten sind; üble Vorzeichen und unberechenbare Einflüsse höherer Mächte. Wir haben Angst vor der Zahl 13, wir scheuen den Freitag, wir klopfen unter den Tisch.- Wir wollen jetzt nicht davon reden, wie töricht das alles ist. Aber schickt sich das auch für Leute, denen die Zusage gegeben ist: Ich bin dein Gott. Und wenn wir erst aufzählen, was wir lieben! Am meisten unser Leben, dann unser Weib und Kind, unsere Freiheit und unser Fortkommen, unseren Besitz und unsere Behaglichkeit usw, usw. Wissen wir auch, daß jedes dieser Dinge sich zwischen uns und Gott stellen kann, so daß es eines Tages heißt: Was liebst du mehr, Gott oder dein Leben, Gott oder deine Freiheit? In solchen Stunden wird dann Gott von uns bekannt - oder verleugnet. Und auf was setzen wir unser Vertrauen? Auf das, was in den Sternen geschrieben stehen soll, oder auf die eigene Kraft, den festen Willen, nicht zu vergessen auf das Glück, diese wankelmütige Göttin! Da fühlt sich Gott in seiner Ehre gekränkt. - "Habe ich sie nicht aus Ägypten erlöst, vom Tode zum Leben gebracht, und nun gehen sie hin und dienen anderen Göttern, fürchten, was ihnen nicht mehr zu fürchten ist, hoffen, was sie nie erhört." - Da merken wir: Das erste Gebot ist ja das allerschwerste der Gebote. Darum steht es ja auch am Anfang.

Vieles, was in den Geboten steht, wird auch von Menschen gestraft, Mord und Diebstahl und Betrug, aber wo sollten wir erst hinkommen, wenn wir alle die strafen wollten, die sich gegen das erste Gebot versündigen? Ja, wir müßten dann wohl mit uns selbst beginnen.

Aber Gott hat in diesem ersten seiner Gebote nichts von uns gefordert, das zu hart oder zu schwer wäre. Es ist etwas ganz selbstverständliches. "Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus dem Diensthause geführt habe, du sollst keine anderen Götter neben mir haben." Doch wir sind t„glich versucht, dies sebstverständlichste und einfachste aller Gebote zu übertreten. Das ist nun unsere große Not, und daran zeigt sich unsere Ferne von Gott, daß uns dies Selbstverständliche so schwer zu erfüllen ist, daß wir noch nicht einmal das erste Gebot halten können.

Amen.