1. Kor. 13

Pfarrer F. Langensiepen                                          Rheinbach, den 4.3.1962

                                                                                 Sonntag Estomihi

 

1.-Korinther 13, 1 - 3

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze.

 

Liebe Brüder!

Man nennt dieses 13. Kapitel aus dem 1. Korintherbrief das Hohe Lied der Liebe. Ehe wir es aber als Lied bezeichnen, wollen wir daran denken, daß es ja eigentlich der Abschnitt aus einem Brief ist, und daß der Apostel Paulus sich da in einer Auseinandersetzung mit den Korinthern befindet. Er hat dazu aber eine so edle Sprache gewählt, daß nun wirklich dieses Kapitel wie ein Gesang klingt. Zunächst aber laßt uns nicht auf die erhabenen Worte lauschen und uns daran berauschen, sondern erst einmal hören, was der Apostel sachlich den Korinthern zu sagen hat. Denn er selbst will es nicht so haben, daß man sich am Klang berauscht und die Sache nicht versteht.

Ganz von selbst gliedert sich das Kapitel in drei Abschnitte, man möchte sagen, dieses Lied gliedert sich in drei Strophen. Von diesen haben wir soeben die Erste gehört. Es geht darum, daß die Leute in Korinth mit ihren geistlichen Gaben gerne glänzen möchten und daß jeder am liebsten alle Gaben auf einmal hätte. Sind sie alle Apostel, sie alle Propheten, sind sie alle Wundertäter, haben sie alle Gaben gesund zu machen, reden sie alle in Zungen, können sie alle auslegen?  Das sollte ihnen so passen, wenn sie mit solchen geistlichen Gaben die anderen in den Schatten stellen und übertrumpfen könnten. Dagegen sagt der Apostel Paulus: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.“ Anscheinend war in Korinth die Gabe des Zungenredens besonders beliebt, denn sie scheint die billigste aller Geistesgaben gewesen zu sein. Der Apostel Paulus hält nicht viel vom Zungenreden. Er sagt, das ist so als wenn eine Glocke läutet oder wenn in der Musikkapelle das große Becken geschlagen wird. Das dröhnt und tönt, aber eine Sprache oder eine Anrede ist das nicht. Dieses Dröhnen und Tönen kann erhabene Gefühle erzeugen, kann begeistern und mitreißen, bloß verstehen kann man es nicht. Tönendes Erz oder klingendes Becken. Ja, wenn das Zungenreden so beschaffen wäre, daß der andere das versteht, daß der andere angeredet wird, daß man etwas von ihm will, dann ließe sich der Apostel Paulus das Zungenreden wohlgefallen, aber das tut das Zungenreden eben nicht, und darum sagt er von sich: „ Ich danke meinem Gott, daß ich mehr Zungenrede als ihr alle. Aber ich will lieber fünf Worte verständlich reden als zehn Worte mit der Zunge.“ Denn der mit der Zunge redet, der feiert nur seine Verzückung, der meint gar nicht den anderen. Der will auch nichts vom anderen wissen, der will bloß, daß die anderen ihm  begeistert lauschen. Tönendes Erz wie eine Glocke oder klingendes Becken wie eine Pauke.

„Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodaß ich Berge versetzte und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ In den Augen des Apostels ist Weissagen mehr als Zungenreden. Weissagen macht den Propheten aus und nicht das Zungenreden. Wer weissagt, der will dem anderen etwas sagen, der will vom anderen  etwas, der meint den anderen  mit seiner Rede. Der mit Zungen redet meint nur sich selbst. Aber auch das Weissagen und das Wundertun können aus falscher Quelle fließen. Und gerade bei den Korinthern fließt es aus falscher Quelle. Sie möchten – ach so gerne – Propheten sein und darum weissagen und Wunder tun können. Sie meinen gar nicht den anderen, dem sie helfen wollen, sie meinen nur sich selbst, wie sie mit ihren Gaben glänzen können. Der Apostel geht noch eine Stufe höher. Er redet von der Hingabe seines Vermögens und seines leiblichen Lebens.

„ Und wenn ich alle meine Gabe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre es nichts nütze.“ Das ist das Höchste, was man von einem Menschen verlangen kann, daß er sich selbst aufgibt, damit kann man Beifall ernten und damit kann man ein berühmter Mann werden. Das ist ein wahrer Christ, der gibt alles her, was er hat. Das ist ein wahrer Menschenfreund, der hilft allen mit seinem Vermögen, was er hat. Das ist ein wahrer Bekenner, der geht für seine Überzeugung auch auf den Scheiterhaufen! Der Apostel weiß ganz genau, daß auch diese Opfer des Vermögens und des Lebens aus einer falschen Absicht kommen können. Daß man eben vor den Menschen als mildtätig gelten will oder als Märtyrer gelten will. Daß man den Beifall der Menschen sucht und von den Menschen das Zeugnis haben will, was für ein fabelhafter Christ man ist. Der Apostel sagt, die Rechnung geht nicht auf, denn wenn´s nachher ans Verrechnen geht und die Liebe hat gefehlt, daß man das alles nur tat, um selbst zu glänzen und zu scheinen, dann ist`s wiederum nichts.

Der Apostel redet in diesem Abschnitt von sich. Er sagt dauernd: Ich, Ich, das heißt, er redet von den Gefahren, die seinen eigenen Dienst und seinen eigenen Weg beständig begleiten. Er redet von dem, wovor er sich hüten muß. Er sagt einmal von seinem eigenen Dienst: „ Die Liebe Christi dingt uns.“ Darum setzt er sich den Gefahren aus. Darum geht er zu den Heiden, die ihn doch gar nichts angehen. Darum trägt er alles und duldet alles. Die Liebe Christi, die drängt ihn dazu. Und wenn er uns nun in der zweiten Strophe des Hohen Liedes der Liebe die Liebe beschreibt und ihr Wesen, dann ist es als beschreibe er uns die Liebe Christi.“ Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellt sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“

Das kann man nicht alles in einer Predigt auslegen, das wäre viel zu viel. Ich will nur drei von diesen Stücken, die von der Liebe ausgesagt sind, herausgreifen. Hier steht z.B.: Liebe ist nicht eifersüchtig. Wir denken, dass gerade die Liebe eifersüchtig macht. Wir meinen, das sei gerade ein Charakteristikum der Liebe, dass sie nicht teilen will, daß sie den anderen alleine lieben und besitzen will und darum eifersüchtig ist auf jeden, der ihr den Besitz streitig machen will. Es muss schon die Liebe Christi sein, die gar nicht sich selbst meint und das, was sie haben möchte und lieben möchte, sondern die Liebe, die nur den anderen meint und sein Wohl, sie ist nicht eifersüchtig.

Von dieser Liebe ist ferner gesagt, sie sucht nicht das Ihre. Wie hat einmal der Herr Jesus Christus gesprochen? „Wenn ihr liebt, die auch euch lieben, was tut Ihr da besonderes? Wer also seine Frau und seine Kinder liebt, seine Eltern, seine Geschwister  oder seine Nachbarn und Freunde liebt, was tut der schon besonderes? Das ist in Jesu Augen nichts und ist selbstverständlich. Warum? Das ist eine Liebe auf Gegenseitigkeit, die will wiedergeliebt werden, die will ja haben, daß ihr vergolten wird. Diese Liebe wird ja gekündigt, wenn sie von der anderen Seite nicht beantwortet wird. Das ist die Liebe, die sich erbittern läßt und die das Böse zurechnet und sagt: meine Liebe vergiltst du mir so, dann ist meine Liebe aus! Das ist alles Liebe auf Gegenseitigkeit, und wenn die Gegenseite nicht mit Liebe antwortet, dann wird die eigene Liebe zurückgezogen. Es ist eine andere Liebe, die der Apostel hier meint, die nicht das Ihre sucht, damit ihr wiedervergolten würde. Darum Sie sich auch nicht erbittern läßt und das Böse nicht zurechnet.

Von dieser Liebe ist ferner gesagt, sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit. Wir freuen uns der Ungerechtigkeit des anderen, das ist unser alter Fehler, dass erhöht unsere Gerechtigkeit. „Das sieht man es ja, was der andere wert ist. Das sieht man es ja, wie schlecht der andere ist!“ Und dahinter steckt: „So schlecht wären wir nie. So wertlos wie der sind wir doch nicht!“ Wir freuen uns an  der Ungerechtigkeit des anderen. Wir merken, wie grundsätzlich hier die Einstellung durch die Liebe gewandelt wird, daß man sich nicht mehr freuen kann, daß der andere unrecht hat. Wie sagt man doch in einem üblen Sprichwort: Schadenfreude ist die reinste Freude. Dieses Sprichwort hat unser böses Wesen recht erkannt.„Sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit“, das muß der Mensch anderswoher lernen, das hat er nicht aus sich selbst.

Diese Liebe, von der heißt es zum Schluss: sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Dasß man das nun nicht missversteht. Missverstanden wäre es, wenn man sagt die Liebe, die muss immer an das Gute im Menschen glauben, sie muss immer die Hoffnung haben, dass aus dem Menschen etwas wird, sie muss immer bereit sein, alles zu verzeihen und alles zu vergeben und meinen, es wird noch was draus. Hat uns Jesus Christus so geliebt, hat er an das Gute in uns geglaubt, hat er auf uns gehofft und mit uns gerechnet? Ich meine, er hat uns genau gesehen, wie wir sind Er hat uns erkannt, besser, als wir uns kennen. Unsere ganze Verlorenheit, und so wie wir sind hat er uns geliebt. Das gehört zu der Liebe dazu, dass Sie in der Nachfolge Christi den Menschen so liebt, wie er ist. Sich nicht in ihm täuscht, nicht vergebliche Hoffnungen an den Menschen hat, dass Sie nicht an den Menschen glaubt, sondern den Menschen so liebt, wie er ist und ihm so helfen will. Also hat Gott die Welt geliebt! Und ich sagte ja, daß uns in dieser zweiten Strophe des Hohen Liedes der Liebe, die Liebe Christi beschrieben sei. Damit hängt es wohl auch zusammen, daß diese Liebe, und zwar diese Liebe alleine, ewig ist. Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird; denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindliche Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel an einem dunklen Ort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleich wie ich erkannt bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Der Apostel Paulus, der will den Leuten in Korinth sagen: Nach den größten Gaben, strebt ihr noch gar nicht. Ihr strebt alle nach dem einstweiligen, vorläufigen, vergänglichen. Nach dem, was bleibt, nach dem was immer währet, da schaut ihr gar nicht hin, davon habt ihr ja noch gar keine Ahnung. Zungenreden hört einmal auf, und Weissagen hört einmal auf. Er sagt, was wir hier tun ist doch alles vorläufig und Stückwerk. Er sagt vom Weissagen, das ist kindliche Rede, so wie ein Kind von den großen Geheimnissen schwätzt, die es nicht versteht, so schätzt er sein eigenes Weissagen ein. „Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind, da ich aber ein Mann war, da tat ich das ab, da redete ich anders. Und er meint – wie drückt er dies aus? - wenn wir zu dem vollkommenen Masse des Alters Christi herangereift wären, dann würden wir auch reden wie Christus, dann würde dies unverständlich Lallen von den Dingen, von denen wir doch nichts wissen, aufhören.

Was wir jetzt wissen, das vergleicht er damit, daß wir die Welt gar nicht sehen könnten, die obere Welt, das Reich Gottes, sondern das wir das alles wie in einem Spiegel sehen würden. Und nun muss man sich die alten Spiegel vorstellen, die waren ja nicht so vollkommen wie die unseren, das waren polierte Metallplatten, die verzeichneten, die verzerrten und wurden auch sehr bald blind und hatten dunkle Stellen. Und aus diesen kümmerlichen Spiegelbildern setzen wir uns die Wirklichkeit des Reiches Gottes zusammen. Das kommt nur sehr ungefähr hin. Wir sehen ihn jetzt durch einen Spiegel an einem dunklen Ort. Wenn wir uns einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, im Reich Gottes, dann brauchen wir keinen Spiegel mehr, dann brauchen wir keinen Propheten mehr, dann brauchen wir kein Zugenreden mehr, das alles ist dann vergangen. Denn nun sehen wir die Dinge wirklich und nun können wir wirklich auch von ihnen reden.

Und darum, strebt doch nach den Gaben, sagt Paulus, die bleiben, und das ist die Liebe. Es bleibt, sagt er, das Glauben, das Hoffen und das Lieben. Es bleibt nicht Gesundmachen, denn dann sind wir nicht mehr krank. Es bleibt nicht Weissagen, denn dann ist alles offenbar, da gibt es nichts mehr zu Weissagen. Da gibt es keine Wundertäter mehr, denn es ist alles ein einziges großes Wunder, das an uns getan ist und nicht mehr getan zu werden braucht. Was den Christen ausmacht, das sind nicht das Weissagen, das Zungenreden und das Wundertun, - was den Christen ausmacht, ist das Glauben und das Hoffen und das Lieben. Das Glauben allerdings, das hört eines Tages auch auf, das wandelt sich in Schauen, dann brauchen wir nichts mehr zu glauben. Und das Hoffen, das hört auch auf, das wandelt sich dann in Erfüllung, und dann brauchen wir nach nichts mehr zu verlangen, denn es ist alles da. Aber das Lieben, das hört auch dann nicht auf. Darum sagt Paulus,Liebe höret nimmer auf, und die Liebe ist die größte unter den Stücken, die einen gerechten Christen ausmachen, denn die wandelt sich auch im ewigen Leben und an Gottes Thron nicht, denn es ist die Liebe Gottes. Amen