Reformation

Das zweite Gebot.

 (nach dem Heidelberger Katechismus)

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der da heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied, die mich hassen; und tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden, die mich liebhaben, und meine Gebote halten.

 (II.Mose 20,4-6)

Liebe Brüder,

wenn ich einen Evangelischen frage: "Wie lautet das zweite Gebot?" Dann muß ich darauf gefaßt sein, verschiedene Antworten zu hören, je nachdem, ob der Gefragte nach dem lutherischen oder nach dem Heidelberger Katechismus unterrichtet worden ist. Der eine wird antworten: "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnützlich führen", der andere wird aufsagen: "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen". Dieser Unterschied kommt daher, daß im lutherischen Katechismus das zweite Gebot, wie es in der Bibel steht, ausgelassen ist. Das hat Luther nicht aus sich selbst getan, sondern so hatte er es von Kind auf in der katholischen Kirche gelernt. Und er hatte ja die Angewohnheit, alles, was nicht unbedingt erneuert werden mußte, möglichst unangetastet zu lassen. Darum behielt er auch die aus der katholischen Kirche kommende Zählung der Gebote bei. Die Reformierten sind aber in diesem Punkte viel kompromissloser gewesen und haben viel unbekümmerter "reformiert". Darum haben sie in ihrem Heidelberger Katechismus auch die biblische Zählung der Gebote wieder hergestellt.

Was mag die Kirche des Mittelalters bewogen haben, dies ursprünglich zweite Gebot auszulassen? Sie hat gedacht: Das hat ja für uns keine praktische Bedeutung mehr; wer betet denn bei uns noch ein Götzenbild an? Ich meine aber, es sei nicht wohlgetan, daß das zweite Gebot fehlt. Es ist immer bedenklich, wenn ein Christ zu irgendeinem der Gebote sagt: "Das versteht sich ja von selbst; das hat für mich keine praktische Bedeutung mehr." Im Tempel zu Jerusalem stand kein Gottesbild, und dies zeichnete ihn vor allen anderen Tempeln aus. Darum übte er auch auf manche Heiden eine merkwürdige Anziehungskraft aus, weil hier kein totes Bild angebetet wurde. Der Herr hat aber den Propheten Hesekiel einmal schauen lassen, was das Volk Israel wirklich heimlich im Tempel treibt:

"Und er führte mich zur Tür des Vorhofes, und siehe, da war ein Loch in der Wand ... Und er sprach zu mir: Geh hinein und schaue die bösen Greuel, die sie allhier tun. Und da ich hineinkam und sah, siehe, da waren allerlei Bildnisse der Würmer und Tiere, lauter Scheusale, und allerlei Götzen des Hauses Israel allenthalben umher an der Wand gemacht ... Und er sprach zu mir: Menschenkind, siehst du, was die Ältesten des Hauses Israel tun in der Finsternis?" (Hesekiel 8,7-12)

Mitten im auserwählten Volk geschah dasselbe, wie es Paulus unter den Heiden beobachtete:
   “Sie haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild, gleich dem vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere”. (Römer 1,23)

Das muß doch denen einmal gesagt werden, die vor Bildern knien und Maskottchen haben und sich Horoskope stellen lassen, daß sie damit die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes beleidigen und daß sie deswegen kein Gehör mehr bei Gott finden. Ich glaube, viele wissen garnicht, wie schwer sie sich hiermit versündigen. Darum ist es nicht wohlgetan, das zweite Gebot nicht mehr zu lehren.

Laßt uns aber auf die Worte zu sprechen kommen, die uns in diesem Gebot am meisten anstößig sind: "Ich bin ... ein eifriger Gott." Und sagen wir es nur unumwunden, das soll heißen: "ein eifersüchtiger Gott". Da sagen wir: wie menschlich, wie kleinlich! Gott müßte doch froh sein, wenn man überhaupt ein göttliches Wesen anerkennt. Wie man dies göttliche Wesen nennt, wie man es sich vorstellt, ist doch ganz gleichgültig. Nun kann er nicht vertragen, daß man einen anderen Gott neben ihm anruft; nun ist er beleidigt, wenn man ihn, den Schöpfer, mit den Wundern seiner eigenen Schöpfung verwechselt, mit Sonne, Mond und Sterne, mit dem "das oben im Himmel" ist. Es ist doch so verständlich, wenn ein Mensch die Sonne als Spenderin allen Lebens anbetet. Und ist nicht solch eine Verehrung der Sonne viel höher stehend als die Furcht vor irgendeinem toten Götzen? Und solch einen verzeihlichen Irrtum - wenn es überhaupt ein Irrtum genannt werden darf - den will Gott rächen an Enkeln und Urenkeln "bis ins dritte und vierte Glied"? Das will vielen Menschen nicht in den Kopf.

Ob uns dies nun paßt oder nicht, wir müssen uns einmal davon überzeugen lassen, daß Gott so ist. Hier redet ja nicht ein Mensch von seinen Gedanken über Gott; hier redet ja nicht ein uns fremdes Volk von seiner Religion oder seiner Gottesanschauung, sondern hier sind wir von Gott selbst angeredet: "Ich bin der Herr, dein Gott!" So ist er wirklich und hat sein Wesen seit den Tagen des Sinai nicht geändert. Dies zu erhörten, reicht ja wohl ein einziges Beispiel aus. Wie lange wird es dauern, bis die Sch„den des letzten Krieges ausgeheilt sind? Ich bin überzeugt davon, daß die eigentliche Ursache des letzten Krieges und unseres Zusammenbruches nur dort gesucht werden kann, wo auch die Propheten Israels die Ursache für den Zusammenbruch ihres Volkes gesucht haben: im Zorn Gottes! Weil die Väter nach Gott nicht mehr gefragt haben, weil Gott nicht mehr die Mitte unseres Lebens ausmachte, sondern wir ihn irgendwo an den Rand gedrückt und zu einer Privatsache erklärt haben, deshalb ist sein Eifer über uns erwacht, und deshalb müssen die Kinder und Enkel die Suppe auslöffeln, die ihre Väter ihnen eingebrockt haben. Vergessen wir nicht! Mit dem Worte: "Ich bin der Herr, dein Gott," ist ja ein ganzes Volk angeredet. Ist Gott wirklich nur Privatsache?

Gott hat diesem Gebot nicht nur einen Fluch sonder auch einen Segen mitgegeben: "Aber denen, so mich lieben und meine Gebote halten, tue ich wohl in tausend Glied". Auch hierfür genügt ebenfalls ein einziges Beispiel, und dies ist das Volk Israel selbst.

Wie sagt Paulus Römer 11,1-2?
   "Gott hat sein Volk nicht verstoßen, welches er zuvor ersehen hat, denn ich bin auch ein Israelit".

Es steht schon im dritten Buch Mose (26,44):
   "Auch wenn sie schon in der Feinde Land sind, habe ich sie gleichwohl nicht verworfen, und ekelt mich ihrer nicht also, daß es mit ihnen aus sein sollte und mein Bund mit ihnen sollte nicht mehr gelten; denn ich bin der Herr, ihr Gott."

Wenn Israel überhaupt noch existiert, dann verdankt es das allein der Verheißung, die Gott dem Abraham gab, und an die er "in tausend Glied" gedenkt. Wir spüren es ja auch an unserem eigenen Leben: Der Eltern Segen begleitet uns, und der Eltern Fluch läuft uns nach. Es hat garkeinen Zweck, sich dagegen auflehnen zu wollen. Gott ist nun einmal so. Wenn er anders wäre, dann müßte Gott jeden Menschen wiederum ins Paradies setzen und von vorne anfangen lassen.

Aber ist das auch gerecht? So darf man eigentlich nicht fragen. Gott hat es uns ja wissen lassen, wie er ist. Wer setzt denn eigentlich das Maß dessen, was gerecht oder ungerecht ist? setzt es Gott durch sein Wort, oder setzen wir es mit unseren Begriffen von Gerechtigkeit? Wenn wir uns aber auch unter Gottes Gebot beugen wollen, dann bleibt trotzdem hier uns etwas unverständlich. Ist es doch kein Zufall, daß gleich zwei Propheten das Sprichwort, das in Israel umging, uns überliefert haben: "Unsere Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden." Und beide Propheten sagen: "Es kommt eine Zeit, da dies Sprichwort nicht mehrt gelten soll." Es wäre ja auch eine trostlose Gerechtigkeit, die uns dazu verurteilte, die Kette eines ererbten Fluches immer hinter uns her zu schleppen. Das wäre das Schicksal von Sklavenkindern, die einfach deshalb Sklaven geworden sind, weil ihre Eltern Sklaven waren, und die auch für ihre Kinder und Enkel keinen Ausweg sehen, als daß sie wieder Sklaven werden müssen. Die "Zeit" aber, von der die Propheten geweissagt haben, ist schon angebrochen, seit unser Herr Jesus Christus erschienen ist und unseren ganzen Fluch auf sich genommen hat, auch diesen, daß die Kinder an der Schuld ihrer Eltern schleppen müssen. Ihm ist Macht gegeben, bei jedem, der sich ihm verschreibt, diese Fluchketten durchzuschneiden. Bleiben wir bei dem Beispiel von vorhin! Wir, die wir Jesu Jünger sind, tragen mit an dem Fluch unseres Volkes. Aber mitten in der Lebensgefahr, bei Verlust des Eigentums, bei Hunger und Blöße haben wir die Erfahrung machen können, daß der alte Vers immer noch gilt:

Wer nur den lieben Gott läßt walten
und hoffet auf ihn alle Zeit,
den wird er wunderbar erhalten
in allem Kreuz und Traurigkeit.
Wer Gott, dem allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

Und von dem Segen, der über dem Volk der Verheißung liegt, bekommen wir auch unser Teil: "Also werden nun, die des Glaubens sind, gesegnet mit dem Gläubigen Abraham" (Gal. 3,8). Nehmt eure eigene Lage als Beispiel! Mancher unter euch sagt: "Ich schleppe an meiner Vergangenheit. Hätte ich ein anderes Elternhaus gehabt, dann wäre auch aus mir etwas anderes geworden. Kann ich dafür bestraft werden, was meine Eltern an mir versäumt haben?" Gott sagt. ja! Aber wer zu dem Sohne Gottes findet, für den beginnt ein neues Leben. Zuchthaus bleibt und Urteil bleibt und Strafe bleibt, und alle Schwierigkeiten, wie das Leben sich in Zukunft gestalten soll, bleiben auch. Aber er ist von seiner Vergangenheit innerlich los, auch von dem bösen Erbteil. Er hat einen Vater im Himmel, der auch ihm verheißt, ihn wunderbar zu erhalten, nicht alle Schwierigkeiten ihm aus dem Wege zu räumen, aber ihn mitten in allen Schwierigkeiten zu erhalten. Siehe, auch für einen solchen Menschen, der zu dem Herrn Jesus findet, ist die "Zeit" gekommen.

Auf uns allen lastet Adams Fluch. Aber uns allen gilt Abrahams Verheißung. Es gibt für niemanden einen anderen Weg, um von Adams Fluch frei zu kommen, als den Weg zu Christus. Wer ihn aber gefunden hat, der sucht nirgendwo anders mehr eine Hilfe, "weder bei dem, das droben im Himmel, noch bei dem, das unten auf Erden, noch bei dem, das im Wasser unter der Erde ist". Über diesem Menschen waltet nicht mehr der Eifer Gottes zu Ungnaden und Verderben, sondern die Liebe Gotte zu Gnaden und Errettung.

Amen.