Reformation

Das zweite Gebot

(nach dem lutherischen Katechismus)

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gotte, nicht mißbrauchen; denn der Herr wir den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht. (II. Mose 20,7)

Liebe Gemeinde,

Luthers Erklärung zu diesem Gebot lautet: "Wir sollen Gott lieben und fürchten, daß wir bei seinem Namen nicht fluchen, zaubern, schwören, lügen oder trügen, sonder denselben in allen Nöten anrufen, beten, loben und danken."

Wir haben beim ersten Gebot davon gesprochen, daß Gott einen Namen hat. Gott hört, wenn wir ihn bei seinem Namen rufen. Manchem ist es ja eine Frage, ob Gott, 'das höhere Wesen, der Weltenschöpfer', uns überhaupt hört. Ich meine, wenn wir uns nicht trauen, ihn beim Namen zu nennen, dann können wir uns auch nicht vorstellen, daß er hört. Andere gibt es, die bestreiten nicht grundsätzlich, daß er hören kann. "Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören?" (Psalm 94,9) Dann wäre er nur ein toter Götze. Von denen heißt es: "Sie haben Mäuler und reden nicht; sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht." (Psalm 115,5-6) Mit denen wollen wir den lebendigen Gott nun doch nicht vergleichen.

Es soll aber gelten, daß Gott hört. Aber dann ist immer noch die Frage, wenn wir nun in unserer Not zu Gott rufen, ob er auch uns hört, oder ob er uns überhört. Wenn wir daran zweifeln, dann müßten wir uns den Spott des Elias gefallen lassen: "Rufet laut, er dichtet oder hat zu schaffen oder ist über Feld gegangen oder schläft vielleicht, daß er aufwache." (I. Könige 18,27) Wenn Gott nicht hört, dann will er nicht hören, nicht weil wir ihm zu klein oder unbedeutend wären, sonder weil er etwas gegen uns hat. Vielleicht haben wir das erfahren, an anderen oder sogar am eigenen Leibe, daß irrsinnig gestammelte Gebete wie in die leere Luft hinaus gesprochen waren, ohne je ein Echo zu erwecken. Vielleicht haben wir solches erfahren in Bombennächten, in Lebensgefahr, wenn wir um unsere Lieben bangten, wenn wir Gottes Hilfe bitter nötig gehabt hätten.- Aus solchen Enttäuschungen wächst dann das Mißtrauen: "Gott hört garnicht; vielleicht gibt es garkeinen Gott. Es hat jedenfalls keinen Zweck, zu ihm zu rufen."

Es heißt aber in unserem Gebot: "Der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht." Von Gott nicht gehört werden, wenn man ihn nötig hat, das ist die Strafe. Da meinen zwar die Leute: "So ein wenig unnütz über Gott reden, das kann man ruhig tun, so genau hört er nicht. Davon ist noch niemand tot umgefallen." Aber schon das ist Gottes Strafe: Wenn es dann ernst gemeint ist, hört er auch nicht. Stellen wir uns einen Mann auf der Straße vor, den die Kinder dauernd zum Spott bei seinem Namen rufen, oder denken wir an eine Mutter, deren Kind beständig ohne Grund nach ihr schreit. Wenn dann einmal Not am Mann ist, wenn wir mit Ernst ihn rufen wollen, dann hört er nicht. Weil wir soviel Mißbrauch mit seinem Namen getrieben haben, deshalb gilt es nicht mehr: "Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen." (Psalm 50,15) Preisen wir seinen Namen nicht, sonder führen ihn unnützlich, dann werden wir in der nächsten Not wohl vergeblich rufen.

Wir haben aber doch Scheu davor, den Namen Gottes so direkt zu mißbrauchen. Deshalb verwenden wir große Kunst daran, ihn irgendwie zu umgehen. Unser Herr Jesus Christus hat dies schon bei den Juden entdeckt. Die schworen ja bei dem Himmel - aber das ist ja Gottes Thron - oder sie schworen bei der Erde - aber das ist ja seiner Füße Schemel - oder bei Jerusalem - aber das ist ja die Stadt des Messias. Es ist merkwürdig, daß wir es genauso treiben. Wir sagen 'Donnerwetter' - und meinen den, der Blitz und Donner schickt. Und wenn wir nur sagen: 'Zum Kuckuck!', dann soll da natürlich ein ganz anderes Word stehen. Wir meinen, mit Gott verfahren zu können, wie mit einem irdischen Richter, denn wir haben ja "nichts gesagt". Gott aber ist auch ein Richter der Gedanken und des Herzens. Es fehlt noch, daß wir uns darüber unterhalten: "Was ist denn eigentlich geflucht und was nicht? Welcher Schwur gilt und welcher nicht?" Das können wir Menschen untereinander ausmachen, aber vor Gott gilt keine faule Ausrede. Jesus hat uns dieses abgeschnitten mit dem Wort: "Eure Rede sei ja, ja; nein, nein. Was darüber hinaus geht, stammt vom Bösen." (Matth. 5,33-37)

Aber man muß doch zuweilen schwören; man kann nicht immer die Wahrheit sagen. Mit solchen Konsequenzmachereien versuchen wir uns oft herauszureden. Wir stellen uns dann auf den Standpunkt: "Wenn schon ein Grundsatz gilt, dann muß er auch im äußersten Falle gelten." Man sollte mit Gott nicht rechten, denn unversehens könnten wir im Unrecht sitzen. Gott würde uns sagen: "Wenn eure Rede ja, ja - nein, nein wäre, dann wäre kein Schwur nötig; warum ist es bei euch nicht so? Weil ihr die Lüge sehr leicht nehmt, weil sie euch kaum eine Sünde bedeutet, deshalb fängt bei euch die Sünde erst bei dem falschen Schwur an. Ihr stammt vom Vater der Lüge; ihr seid nicht aus der Wahrheit. Es heißt doch ausdrücklich: "Was darüber ist, stammt vom Bösen," das will sagen: kommt aus des Teufels Bereich. Weil denn unserem Worte nicht zu trauen ist, darum müssen wir untereinander irgend eine Grenze aufrichten: "Von hier ab muß das Wort gelten." Wenn wir Gottes gute Gebot nicht halten können, dann beweisen wir damit nur unsere böse Art. Das gilt auch von diesem Gebot.

Nun wollen wir aber auch hören, wie wir Gottes Namen recht und nützlich im Munde führen. Da sind nun die Juden auf einen recht merkwürdigen Ausweg verfallen. Sie haben gedacht, am besten ist es, wir nennen ihn überhaupt nicht. Darum haben sie überall, wo der Name Gotte stand, immer nur 'der Herr' gesagt. Aber mit dieser äußerlichen Vermeidung der Namensnennung ist ja nichts getan. Das ist auch nur der Ausweg irgend einer bösen Art. Nein, wir wollen den Namen Gottes recht führen lernen. Wer t„glich zu Gott betet, der kann ihm nicht fluchen.

Wenn mein Verhältnis zu meinem Vater rechter Art ist, dann kann ich nicht über ihn spotten, dann kann ich noch nicht einmal ertragen, wenn andere unnütz über ihn reden; denn es ist die Ehre meines Vaters, die lächerlich gemacht werden soll. So ist es auch dem rechten Beter peinlich, wenn in seiner Gegenwart unnütz über Gott geredet wird. Wenn jemand weiß, daß Gott hört, dann will das Lügen und Trügen nicht mehr von den Lippen. Und wenn kein Mensch es merkt, was sagt Gott dazu, der jedes Wort hört, das aus unserem Munde geht? Wer Weiß, daß Gott uns erhört, der kann nicht mehr anderswohin laufen, um Hilfe zu suchen. Das wäre ja ein Mißtrauen gegen seinen Gott!

Wir müssen einfach in ein neues Verhältnis zu unserem Gott kommen, dann hört der Mißbrauch seines Namens von selbst auf. Wir müssen unsere böse und verkehrte Art ablegen und ein neues Wesen annehmen, aus Kindern der Lüge Kinder der Wahrheit werden, dann ist alles in Ordnung. Es hilft nichts, daß wir überall Verbotstafeln aufstellen: "Du sollst nicht fluchen - du sollst nicht falsch schwören - du sollst nicht lügen oder trügen." Wir suchen ja doch nur neue Durchschlüpfe und verteidigen uns: "Das ist nicht geflucht - das ist nicht geschworen - das ist nicht gelogen." Es hilft nur, daß wir hinter dem guten Hirten hergehen. Eben weil er der gute Hirte ist und weil wir für uns keinen besseren Platz wissen als bei ihm, deshalb entlaufen wir ihm nicht, deshalb fluchen wir ihm nicht, deshalb ist uns sein Name heilig.

Auf diese Weise wird das Gebot recht gehalten, und so ist es mit allen Geboten. Verbotstafeln reizen nur zur Übertretung: Wir müssen lernen, uns in der Übertretung nicht mehr wohl zu fühlen. Ich meine, dies seien nicht nur fromme Lehren, sondern so könne es wirklich einem Menschen ergehen, daß er nicht mehr fluchen kann und nicht mehr lügen will. Gott schenke uns eine solche Umkehr, dann werden wir zu rechten Erfüllern seiner Gebote, dann bekommen wir Freude am Gesetz unseres Gottes.

Amen