Reformation

Das dritte Gebot

Gedenke des Sabbattags, daß du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Dinge beschicken; aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn,. deines Gottes; da sollst du kein Werk tun noch dein Sohn noch deine Tochter noch dein Knecht noch deine Magd noch dein Vieh noch dein  Fremdling, der in deinen Toren ist. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darin ist, und ruhete am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn. (II.Mose 20,8-11)

Liebe Brüder,

es ist nicht auszudenken, welche Wohltat Gott mit diesem Gebot seinem Volk erwiesen hat. Kein anderes Volk der Erde, keine andere Religion der Erde kennt einen wöchentlich wiederkehrenden Bußtag, und wo irgend ein Land diese segensreiche Sitte kennt, da hat es diese von den Juden übernommen. Auch unser christlicher Sonntag stammt daher. Wir sollten aber nicht außer Acht lassen, daß wir diese Wohltat nicht aus uns selber haben, sondern durch eine gnädige Anordnung unseres Gottes. Kein kluger Gesetzgeber ist hier am Werk gewesen. Nicht Mose hat den Sabbat erfunden. Hier hat Gott gesprochen. Wie barmherzig hat er an die Sklaven gedacht. Er will nicht, daß der Herr sich einen guten Tag macht und der Sklave dafür doppelt arbeiten muß. Auch das liebe Vieh hat er nicht vergessen, das seinen Bußtag genau so nötig hat wie der Mensch. Selbst an den ist gedacht, der nur Gastrecht im Staat genießt, an den "Fremdling, der in deinen Toren ist". Daran dürfen wir Christen uns ruhig ein Beispiel nehmen. Wenn wir aber irgendwo zu Gast sind, dann denken wir: "Wir müssen uns nach unseren Gastgebern richten". Und wenn wir selbst Gäste haben, dann sagen wir: "Wir müssen auf ihre Gewohnheiten Rücksicht nehmen." Der Gast soll sich aber nach der Sitte seines Wirtes richten. Wenn am Tisch seines Gastgebers gebetet wird, soll er auch die Hände falten. Heiligen deine Wirtsleute den Sonntag, so sollst auch Du als Gast die Hände ruhen lassen. Von Israel sollte der Fremdling sagen:

"Wo ist so ein herrlich Volk, das so gerechte Sitten und Gebote habe, wie all dies Gesetz, das ich (euer Gott) euch heutigestags vorlege?" (V. Mose 4,8).

Das selbe Bekenntnis sollen Christen auch ihren Gästen abgewinnen. Aber gerade das Gebot der Sabbatruhe hat eine merkwürdige Geschichte. In ihrer kleinlichen und ängstlichen Weise fragten die Juden: Was ist "Werk"? Wie weit darf man am Sabbat gehen? Darf man am Sabbat einen Menschen heilen? Ist's erlaubt, einen Ochsen oder Esel aus der Grube zu ziehen? Darf man am Sabbat kämpfen, wenn man angegriffen wird? In den Makkab„erkriegen hat einmal eine jüdische Abteilung sich ohne Gegenwehr niedermetzeln lassen, weil Sabbat war. Auf diese Weise macht man sich Gottes gutes Gebot zu Qual und zur Fessel. Wir sollten nun nicht sagen: "Wie kleinlich, wie lächerlich." Wir stellen bei jedem Gebot ganz ähnliche Überlegungen an und fragen beim fünften Gebot: "Wann darf man töten?" Beim sechsten fragen wir: "Wann darf man sich scheiden lassen?" So geht es fort: "Wann darf man lügen, wann darf man fremdes Gut nehmen?" Wenn die Juden hierin ängstlich waren, dann sind wir bestimmt zu großzügig. Und so verdirbt jeder von uns auf seine böse Art Gottes gutes Gebot.

Nun halten wir Christen ja überhaupt nicht mehr den Sabbat, sondern feiern den Sonntag, den Tag der Auferstehung unseres Herrn. Wer hat uns das Recht zu dieser eigenmächtigen Änderung gegeben? Das hat der 'Herr des Sabbats' getan. So bezeichnet sich Jesus selber bei Matthäus Kap. 12 Vers 8: "Des Menschen Sohn ist ein Herr auch über den Sabbat." Da können wir auch als Beispiel an einen schönen Park denken, den wir leider nicht betreten dürfen, denn überall stehen Schilder: "Eintritt verboten!" Wir sehen aber durch die Gitter andere Leute darin spazieren gehen und über den Rasen laufen. Warum dürfen die, was wir nicht dürfen. Das sind die eigenen Kinder des Besitzers und ihre Gäste, denen ist's erlaubt. So hat Jesus den Pharisäern geantwortet. Die fragten: "Wer hat deinen Jüngern erlaubt, die Sabbatgebote zu übertreten?" Jesu Antwort: "Das habe ich ihnen erlaubt." Als die ersten Heiden sich zum Glauben an den Herrn bekehrten, da entstand die große Frage: "Müssen diese jetzt nicht eigentlich das ganze jüdische Gesetz halten?" Die Apostel haben nach langer Beratung mit einem Nein geantwortet. Das Sabbatgebot wurde diesen Leuten nicht auferlegt. Der Apostel Paulus schreibt an die Römer (14,5):

"Einer hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält alle Tage gleich. Ein jeglicher sei seiner Meinung gewiß."

Darum lernen auch wir statt des langen Sabbatgebots, wie es II Mose 20 steht, nur die fünf kurzen Worte: "Du sollst den Feiertag heiligen."

Gott hat durch den Propheten verheißen: "Ich will mein Gesetz in ihr Herz schreiben." Einstweilen stand es nur auf den steinernen Tafeln vom Sinai vor ihnen, aber ihr Herz fragte nur: "Wie weit muß ich gehorchen und wie weit darf ich selber gehen?" Das ist wie bei einem kleinen Kinde zum Unterschied von einem erwachsenen Sohne. Das Kind fragt: "Was muß ich noch arbeiten und wann darf ich spielen?" Der erwachsenen Sohn aber sagt zum Vater: "Wäre heute nicht ein guter Tag, das Feld zu bestellen." Dem Sohn ist das Gesetz der Arbeit nicht mehr äußerlich diktiert, sondern ins Herz geschrieben. So hat es nun unserem Vater im Himmel gefallen, uns Freiheit vom Buchstaben des Sabbatgebotes zu geben, uns als seine mündigen Kinder anzusehen, die den rechten heiligen Geist schon haben und wissen, was sich in ihres Vaters Reich schickt.

Da möchte mancher sagen: "Das Experiment mit der Freiheit ist nicht gut ausgegangen. Wir haben sie nicht Vertragen können. Nun wird Gottes gutes Gebot an allen Ecken und Enden übertreten. Jetzt liegt des Vaters Garten da wie ein wüstes zertretenes Feld. Sollte Gott sich wirklich geirrt haben, als er uns durch seinen eingeborenen Sohn solche Freiheit bringen ließ? Ich denke: 'Nein!' Ich denke: "Das wahre Israel hält seine Sabbate und die rechten Jünger Jesu halten ihre Sonntage. Was aber die Welt daraus macht, das soll uns wohl gleich sein. Sollen wir Jünger Jesu der Freiheit entbehren müssen, weil die Welt damit Mißbrauch treibt? Dann regen sich oft die Gedanken: "Es müßte eben alles gezwungen werden, die Feiertage zu heiligen, dafür müßten Staat und Öffentlichkeit sorgen." Es ist aber ein falscher Ton in dieser Musik. Erst rufen wir nach dem Zwang, dann seufzen wir darunter, erst verlangen wir nach dem Gesetz, dann empören wir uns gegen das Gesetz. Laßt uns als Christen unsere Sonntage in aller Freiheit halten ohne nach dem Zwang für andere zu rufen. Es wird wohl darüber geklagt, daß unter der Masse derer, die bloß dem Namen nach Christen sind, so wenig wahre Christen sich finden. Nun, so wollen wir auf diese Leute achten, die frei und ungezwungen ihre Feiertage heiligen, dann sind wir schon so ungefähr im Bilde, wen wir ernstlich zu den Christen rechnen dürfen.

Wie sollen wir unsere Sonn- und Feiertage verbringen? Dazu muß man wohl ganz praktische Ratschläge geben. Der erste: "Laßt euch nicht davon abbringen, daß dieser Tag in erster Linie Gott und seiner Gemeinde gehört! Es liegt ein Segen auf diesem Tage, den empfängt aber nur der, der ihn heiligt." Der zweite Ratschlag: "Tut kein alltäglich Werk, aber tut etwas, was euch besondere Freude macht! Müßiggang ist auch am Sonntag aller Laster Anfang, und wer sich langweilt, ist es nicht wert, daß Gott ihm einen Ruhetag beschert." Der Dritte Ratschlag: "Erholt euch, aber zerstreut euch nicht!" Manche verwechseln Erholung und Zerstreuung. Für diese ist dann der Montag mit seiner Erschöpfung der gefährlichste Tag der Woche. Dazu aber ist der Feiertag nicht von Gott eingesetzt.

Ich meine auch solche Ratschläge, was man mit seinem Sonntag anfangen soll, sie gehörten mit zu der Auslegung der Worte: "Da sollst du kein Werk tun."

Amen.