Reformation

Das vierte Gebot.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest in dem Lande, daß dir der Herr, dein Gott, gibt. (II.Mose 20,12)

Liebe Gemeinde,

im zweiten Buch Mose ist berichtet, daß die zehn Gebote auf zwei Tafeln geschrieben seien. Wenn wir sie nun so verteilen, fünf auf der ersten Tafel und fünf auf der zweiten, dann ist das nicht nur ein Rechenexempel, 10 geteilt durch 2, sondern man hat schon von jeher bemerkt, daß zwischen beiden Tafeln auch inhaltlich ein Unterschied besteht. Die erste handelt von unseren Pflichten gegen Gott, die zweite von unseren Pflichten gegen unseren Nächsten.

Dabei müssen wir uns erinnern, daß das Gebot "Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren" ursprünglich das fünfte und nicht das vierte in der Reihe war. Dann aber entstand die Frage: "Wie kommen Vater und Mutter auf die erste Tafel der Gebote, auf der doch die Pflichten gegen Gott stehen sollen?" Dies ist nun einfach zu erklären. Die Eltern sind Gottes Stellvertreter. Wenn ich z.B. frage: "Wer hat uns das Leben gegeben? Wer nährt uns, kleidet uns, wer behütet und beschützt uns?" dann weiß ich tatsächlich nicht, ob ich nun "Gott" antworten soll oder "die Eltern". Eine Antwort paßt so gut wie die andere. Daran merken wir, wie sehr die Eltern tatsächlich Gottes Stellvertreter sind.

Vielleicht muß mancher sagen: "Wie sah es aber in meinem Elternhause aus? Wie ging es darin zu? Von Gottes Stellvertretung habe ich da nichts gemerkt." Dann hat Gott in diesem Falle schlechte Stellvertreter gehabt. Und wer seine Eltern nie gekannt hat, der wird mir beipflichten, daß einem Menschen viel abgeht, wenn diese Stellvertreter Gottes nicht über seine Jugend wachen.

Wir könnten ja Gottes gute Ordnung verkehren und verderben. Deshalb bleibt Gottes Ordnung doch gut. Es ist ja nur gerecht, daß die Auflösung dieser Ordnung gleich die Strafe bei sich hat. Es geht uns dann nicht gut. Ich meine aber, etwas von dieser elterlichen Fürsorge habe fast jeder erfahren, vielleicht in sehr unvollkommener Weise, vielleicht in sehr verzerrter Gestalt. Vielleicht haben die Eltern bei seiner Erziehung etwas anderes falsch gemacht. Aber Verhältnisse, wo man gar nichts von elterlicher Fürsorge merkt, die halten wir doch für unnatürlich und unmenschlich.

Die Eltern sind uns nun einmal von Gott gegeben und gesetzt; wir können sie uns nicht wählen. Darum wollen wir lernen, den Stand der Elternschaft wieder zu ehren, und unsere Eltern um ihres Standes willen zu achten. In ihnen begegnet uns nun einmal Gottes Stellvertretung.

Vielleicht hat mancher wirklichen Grund, sich über seine Eltern zu beschweren. Sie waren zu streng oder zu nachgiebig, zu ängstlich oder haben zu viel Freiheit gelassen. Vielleicht hat mancher im Elternhaus zuviel Böses gesehen oder ist gar zu Bösem angehalten worden. Vielleicht daß mancher nicht ohne Grund sagt: "Meine Eltern tragen auch einen Teil Verantwortung dafür, daß ich im Zuchthause sitze. Das mag alles richtig sein, und trotzdem sollen wir auch in solchen Eltern den Stand der Elternschaft ehren, den Gott gesetzt hat, - so wie man im Königtum den König ehrt, wenn er auch selbst an der königlichen Würde mangeln läßt. Und wenn auch alle Kinderliebe erstorben wäre, dann laßt uns trotzdem die Eltern darum ehren, weil sie von Gott in den Elternstand gesetzt sind, daß laßt uns deshalb tun, damit Gottes Ordnung erhalten bleibe und die Welt nicht Schaden nehme.

Dieses Gebot von der Achtung von Vater und Mutter muß noch auf einige Personen ausgedehnt werden, die ihre Gewalt und ihr Ansehen von den Eltern gewissermaßen entliehen haben. Deshalb spricht auch Luther in seiner Erklärung von Eltern und Herren. Eltern geben ihre Kinder zur Schule oder zum Lehrmeister. Damit geben sie etwas von ihrer Elternpflicht aus der Hand, nämlich die Pflicht, ihre Kinder zu lehren und zu erziehen. Sie übertragen damit gleichzeitig an diese Herren einen Teil ihrer Elternschaft, einen Teil ihrer Rechte, nämlich den Kindern zu befehlen und sie zu strafen. Mag aber auch an ihnen manches auszusetzen sein, es wäre trotzdem gut, wenn wir sie allein um ihres Standes willen achten lernten und ihre Autorität nicht untergrüben, denn es ist nicht geraten, Gottes Gebote anzutasten, denn auf ihnen ruht die rechte Ordnung dieser Welt.

Dies Gebot zeichnet sich nun dadurch aus, daß ihm eine besondere Verheißung mit auf den Weg gegeben ist: "...auf daß du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, gibt." Ist aber diese Verheißung auch wahr? Da müssen wir nun zunächst den genauen Wortlaut beachten. Die meisten von uns werden nämlich diese Worte anders gelernt haben: "...auf daß es dir wohl gehe und du lange lebest auf Erden." Luther hat diesen Wortlaut von der katholischen Kirche übernommen. Aber in dieser Form ist die Wahrheit der Verheißung doch sehr fraglich. Leben wirklich die Menschen, die Vater und Mutter geehrt haben, länger als andere? geht es ihnen besser als anderen? Was ist nun wirklich verheißen? Es steht da von "...dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, gibt." Vielleicht erinnert sich mancher an meine Auslegung des ersten Gebotes: "Ich bin der Herr, dein Gott,..." Ich habe damals gesagt, daß diese Worte  in erster Linie dem Volk Israel gelten, dem der Herr das gelobte Land gegeben hat. Es hat auch lange in diesem Lande gelebt; es lebt auch heute noch und lebt auch wieder in dem gelobten Lande, lebt trotz aller Verfolgungen zum Erstaunen der Welt, ein großes Wunder. Und wenn wir nach den Gründen solcher Zähigkeit fragen, so ist nicht der letzte der Gehorsam gegen dies Gebot. Es ist direkt vorbildlich, wie z„h jeder Israelit an Väterart und Vätersitte festhält. Das ist nicht die Art unseres Volkes. Deshalb verlieren sich auch unsere Auswanderer, wohin sie unter andere Völker verschlagen werden. Sie nehmen mit Leichtigkeit fremde Art und Sitte an. Ganz anders der Israelit, und darum erhält sich auch dies Volk, und wenn es auch viele Jahrhunderte keine Heimat hatte.

Wir sind das Gegenteil von Israel. Wir sind schnell überzeugt, daß unsere Voreltern alles falsch gemacht haben und wir endlich alles besser machen müßten. Erinnert euch an die kaiserliche Zeit, die Demokratie, die Zeit unter Hitler, und heute ist's nicht anders. Jede Zeit warf sich zum strengen Richter über ihre Vorgängerin auf. Ich fürchte sehr, daß wir als Volk so nicht lange leben können, sondern uns auflösen, denn wir haben das nicht, was man mit einem Fremdwort 'Tradition' nennt.

Das hängt sehr eng mit diesem Gebot zusammen. Eine Familie, in der Vater und Mutter geehrt werden, hält auf Tradition. Es ist schon eine tiefe Wahrheit, die in der Verheißung dieses Gebotes steht.

Wieviel gute Sitten der Väter haben wir abgeschafft! Haben wir bessere Sitten eingeführt oder nur aufgelöst, um frei zu werden? Es ist leicht abzuschaffen, aber sehr schwer aufzubauen. Sitte ist eine behütende und bewahrende Macht. Sie fehlt oft unserem Leben, und das hat mancher zu seinem eigenen großen Schaden erfahren. Schaffe einer aus seinem Haus die illustrierten Zeitungen hinaus und führe die Bibel ein. Er wird merken, was das für eine Arbeit ist, weil, ihm keine gute Sitte zur Seite steht.

Wir kennen auch keinen ererbten alten Wohlstand mehr. Gewiß sind daran auch zwei verlorene Kriege schuld. Aber wir haben es auch verlernt, Wohlstand zu bewahren. Es ist nämlich leichter, ein Vermögen zu erwerben als ein ererbtes Vermögen zu erhalten.

So könnten wir noch in manchen Punkten fortfahren. Die allgemeine Bildung unseres Volkes sinkt, trotzdem es an Aufklärung nicht fehlt. Wir verlernen die Kunst, ein Buch recht zu lesen trotz guter Schulbildung. Wir können keine Musik mehr verstehen trotz Radio. Unsere Kinder können nicht mehr so viel behalten trotz ihrer Frühreife. An allen diesen Übelständen ist nicht zuletzt das Fehlen einer guten Tradition schuld. Tradition ist nun, wenn man dies Wort genau übersetzt, das, was ein Geschlecht an das andere weitergibt. Wir haben es nicht verstanden, der Väter leibliches und geistiges Gut zu bewahren. Es geht uns nicht mehr wohl.

Jammern hilft hier nichts. Wie kommen wir zu einem neuen Anfang? Wir können ja keine Entwicklung rückgängig machen, auch wenn sie uns nicht gefällt. Die Autorität der Väter ist zerbrochen, kann auch nicht mehr geflickt werden. Ein neuer Anfang kann überhaupt nicht so ohne weiteres gemacht werden. Nun meint bitte nicht, jetzt käme die übliche fromme Auskunft, sondern hört bitte einmal unvoreingenommen zu. Der neue Anfang, den wir suchen, liegt in Jesus Christus beschlossen. Der war seinem Vater gehorsam - bis zum Tode am Kreuze. In seiner Nachfolge allein finden auch wir zu einem neuen Gehorsam gegen Gott und alle die Personen, die ihre Autorität von Gottes wegen haben, es seien Eltern, Lehrer, Meister oder Obrigkeiten. Hier muß jeder Nachfolger Jesu Christi bei sich selbst einen neuen Anfang machen. Lest, was der Apostel Petrus im ersten Briefe Kapitel 2 Vers 18 - 25 schreibt! Es hat gar keinen Zweck, die Autorität der Väter wieder aufzurichten, ohne daß erst einmal die Autorität Gottes feststeht. Diese Autorität seines himmlischen Vaters aber hat der eingeborene Sohn wieder aufgerichtet. Wenn Väter und Kinder sich ihm beugen, dann lernen sie auch wieder die rechte Ehrfurcht voreinander. Wie ist es am Ende des alten Testamentes geweissagt?

"Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia. ... der soll das Herz der Väter bekehren zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern, daß ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage."

Wir reden viel vom Wiederaufbau. Daß wir dabei nur das Wichtigste nicht vergessen, damit wir in den wieder aufgebauten Häusern auch lange wohnen bleiben. In Jesus Sirach (3,9-11) steht ein Wort, das sehr zu beherzigen ist:

"Ehre Vater und Mutter mit der Tat, mit Worten und Geduld, auf daß ihr Segen über dich komme. Denn des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, aber der Mutter Fluch reißt sie nieder."

Da haben wir die rechte Ursache für unseren Zusammenbruch und das rechte Rezept für den Wiederaufbau.

Amen.