Reformation

Das fünfte Gebot

Du sollst nicht töten.

Das ist kurz und bündig gesagt und ist auch so selbstverständlich, daß man meint, bei diesem Gebot gäbe es garnicht viel auszulegen, sondern nur zu mahnen und zu warnen. Beim näheren Zusehen zeigt es sich aber, daß es für die Auslegung eines der allerschwierigsten Gebote ist. Gerade bei diesem Gebot möchte ich aber gerne recht verstanden werden, wenn es auch schwierig ist, sich hier verständlich zu machen. Darum bitte ich am besten gleich von vorne herein um gesammelte Aufmerksamkeit.

Wenn ich dieses Gebot im Konfirmandenunterricht besprach, dann fragte ich als erstes immer nach den Ausnahmen. Und sie wurden mir von den Kindern auch alle genannt: Die Notwehr, der Krieg, die Todesstrafe, und es fehlte auch nicht der Hinweis auf unheilbare Krankheiten und die Geisteskranken, die doch zu nichts mehr nützlich sind und die jedermann zur Last fallen. Dann habe ich meinen Konfirmanden gesagt: "Mit diesem Gebot richtet Gott ein Schutzdach über unserem Leben auf. Dann gehen wir hin und stoßen in dieses Dach ein Loch nach dem anderen hinein. Das tun wir mit unseren berüchtigten Ausnahmen. Zum Schluß wundern wir uns, daß es überall durchregnet, das heißt, daß unser Leben nicht mehr genügend geschützt ist."

Aber können wir dann diese viel berufenen Ausnahmen von dem Gebot: "Du sollst nicht töten" - können wir sie wirklich in jedem Fall vermeiden? Wir denken an Notwehr und Krieg. Die sind doch unvermeidbar. Wer in seiner Bibel die Apogryphen stehen hat, der lese, was im ersten Buch der Makkabäer, Kapitel 2,3-38, steht. So wie es da geschildert ist, geht es ja auch nicht, daß man in der Woche tapfer kämpft, aber am Sabbat sich wehrlos abschlachten läßt, nur um das dritte Gebot nicht zu übertreten. Der Trugschluß liegt aber darin, daß wir sagen: "Weil es nicht anders geht, darum ist es erlaubt." Nur dies nicht sagen; denn damit ist das 'Loch' ins Dach gestoßen. Lieber Sagen: "Herr Gott im Himmel, wir können nicht anders. Sieh unsere Not und vergib uns die Schuld!" Wer so betet, der läßt wenigstens Gottes gutes Gebot heil und ganz. Wer aber sagt "Ausnahme", der durchlöchert Gottes gute Ordnung.

Durch die kirchliche Presse wurde jüngst bekannt, daß die Geistlichen beider Konfessionen vom Wehrdienst frei gestellt werden sollten, denn der Priester müsse die Gottheit mit reinen Händen verehren und das Opfer mit reinen Händen darbringen. Es wäre wohl zu fragen, ob der Priester reinere Hände haben kann und beanspruchen darf als der schlichte Nachfolger Jesu, der im alltäglichen leben steht. Nicht aber würde ich in Frage stellen, daß keine Hand rein bleibt, die Menschenblut vergießt.

Wir wollen noch bei der Frage des Krieges stehen bleiben, in der Hoffnung, daß, wenn wir hier Klarheit gewinnen können, auch manche andere Frage, die dem fünften Gebot anhängt, gelöst ist. Wie soll eine Obrigkeit regieren ohne Waffen? Es ist doch Gott selbst, der ihr das Schwert in die Hand drückt. Aber er sagt ihr nicht: "Nun mach mit dem Schwert, was du willst," sondern er sagt ihr, wo und wie sie dieses Schwert zu führen habe. "Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden." (I Mose 9,6) Gott läßt nicht nur Krieg zu, sondern er befiehlt seinem Volk Kriege, ja die Ausrottung ganzer Stätte (z.B. Josua 8,2). Was ist das für ein schrecklicher Gott, der dies fordert? Und derselbe sagt: "Du sollst nicht täten!" Ist dies wirklich der gleiche Gott?

Gott ist der Herr über unser Leben; er gibt es uns und nimmt es, wann es ihm gefällt. Als nun die Menschen von ihm abfielen und aus dem Paradies vertrieben wurden, da wurde es nötig, daß sie für ihr Leben fürchteten und ihr Leben verteidigten. Im Paradies gab es kein Schwert, aber seitdem ist es uns unentbehrlich geworden. Damit aber dies gefährliche Schwert, das nur in Gottes Hand wohl aufgehoben ist, nicht blind wüte und rase und die ganze Menschheit sich nicht untereinander zugrunde richte, darum hat Gott die Erlaubnis, das Schwert zu führen, nicht allen Menschen gegeben, sonder nur der Obrigkeit. Der gab er den Auftrag, das Land zu schützen und zu verteidigen. "Gottes Regiment zur linken Hand", so nennt Dr. Martin Luther die Obrigkeit. Mit seiner Rechten regiert Gott in seinem Reiche, aber mit der Linken sorgt er dafür, daß auch die von ihm abgefallenen Menschen sich nicht gegenseitig umbringen, sondern durch den Dienst der Obrigkeit und ihres Schwertes wenigstens einigermaßen ihres Lebens sicher sind.

Seit dieser Zeit ist das fünfte Gebot eine offene Frage. Wir sollen merken; es haftet an jedem Töten ein Fluch, es sei so gesetzmäßig wie nur möglich. Aber wir können das Schwert nicht entbehren und müssen töten, ob wir wollen oder nicht, - zum Zeichen dessen, daß wir alle unter diesem Fluch einhergehen und niemand sich davon ausnehmen kann. Wir haben uns selbst geschlagen, als wir sein wollten wie Gott. (Vergleiche die Geschichte vom Sündenfall - I.Mose 3,5). Es ist aber Gottes Gnade, daß wir nicht garaus sind, sondern daß er eine Ordnung geschaffen hat, die dem Angriff auf unser Leben wehrt. Diese Ordnung ist die Obrigkeit mit ihrer Schwertgewalt. - Ich will hier, um ein Beispiel zu geben, einen Vorgriff auf das sechste Gebot tun. "Du sollst nicht ehebrechen." Jesus verbietet die Ehescheidung (Matth. 5,31-32), Mose erlaubt sie (Matth. 19,7-9). Jesus begründet seinen Gegensatz zu Mose in folgender Weise: Ehescheidung ist gegen Gottes Ordnung, aber es ist nicht zu verhindern, daß Scheidungen vorkommen. Da hat Mose dafür gesorgt, daß sie sich wenigstens in einer gewissen Ordnung vollziehen. Aber deshalb sind sie noch lange nicht 'in Ordnung'. Genauso ist es mit Krieg, Todesstrafe und ähnlichen Tötungen. Daß wir das Schwert überhaupt nötig haben, ist nicht in Ordnung. Aber der Gebrauch des Schwertes soll sich dann wenigstens in einer Gewissen Ordnung vollziehen.

Wir müssen wohl noch ein wenig weiter ausholen. Wir töten ja auch Tiere. Wie ist es denn damit? Sie haben doch auch ihr Leben von Gott. Soll das etwa auch eine Sünde sein? Zunächst fällt da auf, daß erst nach der Sintflut Gott die Tiere dem Menschen zur Speise gegeben hat (I. Mose 9,2-3). Auch hier möchten wir genauso sagen wie Jesus in der Frage der Ehescheidung: "Von Anfang ist es nicht gewesen." Auch das Töten von Tieren ist nicht ganz in Ordnung. Es widerstrebt uns doch, wenn es auch sein muß. Da hegt und pflegt man Monate und Jahre lang  ein Tier, um es am Ende zu schlachten. Nicht umsonst ist im Alten Testament aus jeder Tötung eines Tieres ein Opfer für Gott gemacht. Ihm gehört 'eigentlich' auch das Leben des Tieres. Wir lesen aber Jesaja 11,6-9, daß auch diese Unordnung wieder in Ordnung kommen soll.

Dies fünfte Gebot ist das erste, an dem es so recht deutlich wird, wie sehr wir unter die Sünde verkauft sind. Hier gilt nicht mehr, daß wir sagen: Wenn wir es uns fest vornähmen und nicht so schwach wären, dann könnten wir diese Gebot halten. Wir können es nicht, beim besten Willen nicht. So einfach das Gebot klingt, so unmöglich ist es, dies zu erfüllen. So gut ist dies Gebot, das unser Leben schützt, Und gerade hier gibt es ein rettungsloses Versagen. Und Gott läßt nicht ungestraft. Seine Gebote sind ja nicht nur fromme Wünsche und sittliche Ideale, und Gott selbst ist nicht ein wankelmütiger, der viel droht und wenig straft. Seine Strafe aber ist einfach und gerecht. Er liefert uns dem aus, was das Schwert anrichtet. Wir müssen für unser Leben fürchten. Da haben wir unsere Strafe.

Das schlimmste aber ist, daß wir auch den Sohn Gottes damit geschlagen haben. Er ist durch die ordentliche Obrigkeit in einem ordentlichen Verfahren zu Tode verurteilt und hingerichtet worden. Da ist es schier unfasslich, daß er dies denen vergibt, die das nicht abstreiten, sich nicht entschuldigen oder verteidigen, sondern sich mitschuldig geben an dieser ungeheuerlichen Tötung. Das nennt man eine bußfertige Haltung. So kann man also mit dem Schwerte in der Hand ein bußfertiger Mensch sein. So können wir also vor den Gott dieses Gebotes treten und um Vergebung bitten. - Mit dem Schwert in der Hand. - Wir wissen, daß dies ein gefährliches Stehen vor Gott ist. Uns freut auch das Schwert nicht mehr; uns graust davor. Wir wollen es gewiß nicht mißbrauchen, können aber aus bitterer Not nicht darauf verzichten. Um deines Sohnes Willen, der für seine Mörder gebeten hat, nimm uns so an.

Amen.