Reformation

Das sechste Gebot

Liebe Gemeinde,

zum sechsten Gebot wollen wir gleich zu Anfang hören, was unser Herr Jesus Christus dazu zu sagen hat:

"Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Ärgert dich aber dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf es von dir. Es ist besser, daß eines deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Ärgert dich deine rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser, daß eines deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Es ist auch gesagt: Wer sich von seinem Weib scheidet, der soll ihr geben einen Scheidebrief. Ich aber sage euch: Wer sich von seinem Weib scheidet (es sei denn um Ehebruch), der macht, daß sie die Ehe bricht; und wer eine abgeschiedene freit, der bricht die Ehe." (Matth. 5,27-32)

Nun merkt man gerade bei der Auslegung des sechsten Gebotes, daß man einen Unterschied machen muß zwischen dem, was vor Gott recht ist und dem, was bei den Menschen Gesetz ist. Es ist dasselbe, wie schon bei dem fünften Gebot. Die oft beredeten Ausnahmen, wo der Menschen Gesetze die Tötung eines Menschen erlauben oder gar befehlen, sind darum vor Gott noch längst nicht recht. Es ist ein Trugschluß, zu glauben, wenn wir der Menschen Gesetze hielten, dann wären wir auch vor Gott gerecht. Noch deutlicher wird dies beim sechsten Gebot, vor allem bei der Frage der Scheidung. Keine Scheidung, auch wenn sie aus noch so zwingenden Gründen geschieht, ist vor Gott in Ordnung und zu rechtfertigen. Aber Scheidungen werden immer wieder vorkommen, vielleicht werden sie gar nicht zu umgehen sein. Und darum sollen sie doch nach einer gewissen Ordnung geschehen. Wenn nun bei einer Scheidung auch nach dem Gesetz alles in Ordnung ist, vielleicht sogar der eine Teil wirklich schuldlos geschieden wurde, dann soll der geschiedene doch nicht denken, nun sei er auch vor Gott gerecht und schuldlos. Es bleibt ein Stachel, eine Narbe zurück; und eine geflickte Sache ist keine neue Sache. Dies soll anzeigen: Gottes gute Ordnung ist hier gestört und verlassen worden, und dies geschieht nie ungestraft. Ein nachdenklicher Bibelleser, der lese, was unser Herr Jesus Christus zu dieser Frage sagt Matth. 19,3-9.

Nun hat sich seit den Tagen Jesu die rechtliche Stellung der Frau gewandelt. Damals war Scheidung nur dem Manne möglich. Heute kann sich auch eine Frau von ihrem Manne scheiden lassen. Damals wurde die ehebrecherische Frau gesteinigt. Und was geschah mit dem ehebrecherischen Mann? Darum gilt es gerade beim sechsten Gebot zu hören, was Gott nach seinem unwandelbaren Gebot will, wie es zwischen Mann und Frau gehalten werden soll.

Gott will, daß wir die Frau mit reinen Augen ansehen: "Ärgert dich aber dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf es von dir". Ich fürchte, es würde nicht beim rechten Auge allein bleiben. Der Schleier der Orientalischen Frauen hat den begehrlichen Blick nicht verhindert. Hier hilft nur das reine Auge. Und weil nun einmal das Auge der Spiegel der Seele ist: Hier hilft nur, daß wir der Frau mit reinem Herzen begegnen. Darum sagt auch Jesus, daß man die Ehe zuerst immer "in seinem Herzen bricht". Wie entwürdigend ist es für Mann und Frau, wenn der Unterhaltungsstoff zwischen beiden nur noch zu einem zweideutigen Gespräch reicht, weil man sich anderes als dieses nicht mehr zu sagen hat.

Gott will nicht, daß wir die Frau verachten als ein Wesen, durch daß wir ständig vermehrt werden. Die Frau ist zu allen Zeiten das, was der Mann aus ihr macht; denn es liegt in ihrem ganzen Wesen begründet, daß sie gefallen will. Darum trägt das männliche Geschlecht die Verantwortung dafür, was aus dem weiblichen wird. Gott will ebensowenig, daß wir einem falschen Idealbild nachjagen, das wir dann bei keiner Frau verwirklicht finden, und dann berechtigt glauben, es bei einer anderen zu suchen, die unserem Ideal n„her zu kommen scheint. Die Frau ist so wenig ein ideales Wesen wie der Mann. Wie viele zerstörte Ehen gehen gerade auf die Suche nach falschen Idealen zurück?

Wir sind nach Gottes Bild geschaffen, die Frau so gut wie der Mann. Nun tragen wir ja alle das Ebenbild Gottes, nur in versehrter Form; die Sünde hat es beschädigt und entstellt. Aber es ist und bleibt immer noch als Gottes Ebenbild erkennbar. Und darum ist es auch im verkommensten Menschen immer noch zu respektieren. Ich muß da an eine kleine Geschichte denken, die von einer Bibel auf dem Mülleimer handelt. Es war eine zerlesene, aus dem Einband gerissene, verschmutzte Bibel. Aber man regte sich doch noch darüber auf, daß sie jetzt auf dem Mülleimer lag. Dort gehörte eben keine Bibel hin, auch wenn sie so schlecht ist, daß man sie wegwirft. Dies will ich zum Gleichnis gebrauchen. Es gibt keine Frau, die so verkommen wäre, daß wir sie mißbrauchen dürften. Wir würden in ihr das Ebenbild Gottes schänden. Vielleicht ist das ihr selbst egal, aber uns darf es nicht egal sein. Vielleicht schlagen wir den Schaden, der ihr geschieht, gering an: "Sie ist ja schon so verkommen, daß sie auch durch mich nicht noch schlechter werden kann." Daß mag sein, aber der Schaden, den wir uns selbst antun, auf den achten wir nicht. Wir gewöhnen uns daran, im Menschen nicht mehr das Ebenbild Gottes zu sehen, in jedem Menschen, ganz gleich wie hoch er steht oder wie tief er gesunken ist.

Wenn wir alles in einem Wort zusammen fassen wollen: Es geht im Verhältnis zwischen Mann und Frau um die Treue. Wenn wir einender treu sind, dann sind Blick und Begehren gereinigt, dann sind wir behütet vor Verachtung und falscher Idealisierung des anderen Menschen. Luther hat uns in der Auslegung zum fünften Gebot gelehrt, daß "ein jeglicher seinen Gemahl lieben und ehren soll". Es stände besser um manche Ehe, wenn nicht nur die Liebe, sondern auch die Ehre bedacht würde. Um Gottes Willen sind wir einander diese Ehre schuldig, weil wir Gottes Ebenbild im anderen zu respektieren haben. Und die Verwirklichung dieser Ehre ist eben die Treue. Wie viele leiten die Ursache ihres verpfuschten Lebens aus unmöglichen häuslichen Verhältnissen ab? Sie erheben Anklage gegen ihre Eltern, gegen den Mann oder gegen die Frau, die doch sie selbst geheiratet haben. Der Übel Wurzel ist in der Regel doch immer die Untreue, aus der solche unglücklichen Verhältnisse sich herleiten. Darum erklärt der Herr Jesus Christus die Ehe auch für heilig und unauflöslich. Wir kennen ihn durch sein Wort ja gut genug. Er würde durch keinen Gegengrund sich daran etwas abmarkten lassen. Er würde gegen alle unsere Einwände dabei bleiben. So ist es von Anfang von Gott eingerichtet; alles andere führt in Schuld und Unglück.

Sicher denkt nun mancher: "Lieber Herr Pfarrer, das ist ein Idealbild, aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus!" Nun, ich glaube ziemlich genau zu wissen, wie die Wirklichkeit aussieht. Vielleicht ist mein Pessimismus in dieser Hinsicht größer als der eure. Ich glaube nicht, daß die besten Vorsätze eine gute Ehe garantieren können. Ich glaube auch nicht, daß man in einer verderbten Umwelt sich und sein Haus unverdorben erhalten kann. Ich glaube ebenfalls nicht, daß wir Augen und Gedanken befehlen können, nur Sauberes zu sehen und zu denken. Es bedarf neuer Augen und eines reinen Herzens; diese beiden können wir uns selbst nicht geben. Aber eben das glaube ich, daß Gott dies schaffen kann. "Schaff in mir , Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen Geist", so betet David nach seinem Ehebruch. Und ich glaube, daß Gott ein solches Gebet auch erhört, und daß er einen Menschen, den er erneuert hat, auch den Menschen des anderen Geschlechts mit neuen Augen ansehen lehrt und ihm andere Gedanken über ihn eingibt. Und ich glaube auch, daß kein Mensch so schlecht und verkommen ist, daß Gott dies Wunder nicht auch an ihm tun könnte, und daß keine Ehe so zerstört ist, daß Gott sich dieser beiden Eheleute nicht mehr erbarmen und ihre Ehe wieder heilen könnte.

Wir müssen lernen, einander so anzusehen, wie uns Christus ansieht. Der Apostel Paulus würde das etwa so ausdrücken: Wir müssen einander "in Christo ansehen". Brüder und Schwestern in dem Herrn, so nannten einander die ersten Christen. Sie sahen in jedem Mann einen Bruder Christi und in jeder Frau eine Schwester Christi. Sie sahen in jedem Menschen jemanden, den Christus nicht aufgegeben hat, sondern dessen Ebenbild Christus an sich genommen hat. Sie wußten: Dieser Christus verachtet uns nicht, er macht sich auch keine Illusionen über uns. Er sieht mit scharfen Augen, wie wir sind; ein Wunder, daß er uns die Treue h„lt. Wir sind, was er aus uns macht. Ich sagte ja, die Frau ist, was wir aus ihr machen. Der Apostel Paulus kann das etwa so ausdrücken:

"Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt, der Mann aber ist des Weibes Haupt". (I.Kor. 11,3),

oder:

"Der Mann ist des Weibes Haupt, gleich wie auch Christus ist das Haupt der Gemeinde". (Eph. 5,23)

 Hier herrscht eine genaue Bezogenheit der Glieder zueinander, zwischen Christus, dem Mann und der Frau. Wo die Bezogenheit geachtet, nicht willkürlich gestört wird, da bleibt Gottes Ordnung gewahrt, da kommt auch das sechste Gebot zu seinem tiefsten und herrlichsten Recht.

Amen.