Reformation

Das siebte Gebot

Du sollst nicht stehlen!

Zur Zeit der Reformation war es eine der dringendsten Fragen, welches die rechte Stellung zum Gesetz, zu den zehn Geboten sei. Wenn die gleiche Frage auch heute unter uns mit neuer Dringlichkeit gestellt wird, dann ist dies ein gutes und gesundes Zeichen. Wir wollen dies siebte Gebot zum Anlaß nehmen, auf das zu hören, was unsere Väter im Glauben über die rechte Stellung eines Christen zum Gesetz gesagt haben.

Kann man das Gesetz halten? Viele sagen ja. Sie sagen ihr 'Ja' so unbeschwert wie der reiche Jüngling im Evangelium: "Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf." Und sie haben wirklich noch niemanden totgeschlagen - außer vielleicht im Kriege, und das ist ja erlaubt. Sie haben auch noch niemanden bestohlen - außer vielleicht einige Kleinigkeiten, und das ist ja verzeihlich.

Nun aber sagt die ganze christliche Kirche, nicht nur die Reformation, hierzu ein glattes Nein; man kann das Gesetz nicht halten. Die Kirche selber wäre dann ja auch nichts weiter als eine Notauskunft für Gestrauchelte. Die anderen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, brauchen auch keine Kirche, weil sie auch keine Vergebung brauchen. Vielleicht regt sich hiergegen doch ein leises Bedenken und man spricht: "Selbstverständlich kann man das Gesetz nur mit Gottes Hilfe halten, nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Kraft von oben." Um diese Kraft müssen wir beständig den Herrgott bitten. Vor allen Dingen müssen wir ja auch beständig auf das Gesetz hinhören. Und darum ist auch die Kirche nicht überflüssig, sondern sie predigt uns das Gesetz und vermittelt uns den Beistand von oben.

Aber selbst hierzu sagt die Reformation nein. Es kommt nie dazu, daß wir am Jüngsten Tag vor Gott hintreten können und sagen: "Dein Gesetz war mir stets vor Augen, zu dir habe ich um Kraft gebetet, und du hast sie mir geschenkt. Nun sprich mich auch gerecht." Oder daß wir sprechen könnten: "Ich habe deine heiligen Gebote früher manches Mal übertreten; aber dann habe ich mich bekehrt und gebessert, und von da an ist nichts mehr vorgekommen. Sprich mich bitte aus Gnade gerecht und decke das, was früher gewesen ist, mit deiner Vergebung zu." Die Reformation sagt, wer so spreche, gehe mit der Gerechtigkeit aus den Werken um, die doch zu nichts tauge, und er komme nie zu der Gerechtigkeit aus Glauben, die vor Gott allein etwas gelte.

Unsere Väter im Glauben haben gesprochen von einem dreifachen Gebrauch des Gesetzes. Es ist gut, solchen Stichwörtern nachzudenken. Sie sind nie aus drängender Arbeit entstanden und gleichen gehärteten und geschliffenen Waffen, auf die Verlaß ist.

Das erste ist der bürgerliche Gebrauch des Gesetzes. Er dient dazu, Zucht und Ehrbarkeit zu erhalten, wie ja auch das siebente Gebot unser Eigentum schützt. Über diesen bürgerlichen Gebrauch des Gesetzes gibt es christlich nicht besonders viel zu reden. Er findet sich bei allen Völkern, auch unter den Heiden. Über ihn wacht jede Obrigkeit, auch wenn sie nicht christlich ist. Überall genießt zum Beispiel das Eigentum irgend einen Schutz des Gesetzes.

Nun müßten wir uns vielleicht noch darüber unterhalten, daß es Diebstahl gibt, den das Gesetz bestraft, und anderen Diebstahl, der ungestraft bleibt, daß es einen Schein des Rechts gibt, mit dem man unter gewissen Umständen des Nächsten Hab und Gut an sich bringen kann. Vielleicht wäre sogar einiges zu sagen vom Diebstahl auf gesetzlicher Grundlage, von Enteignung, Inflation u.s.w. Wir würden dann am Ende wohl erkennen, daß kein bürgerliches Gesetz imstande ist, unser Eigentum vor jedem Zugriff zu schützen. Wir würden wohl sehr bescheiden von dem Gebrauch des bürgerlichen Gesetzes denken und schließlich noch dankbar sein, daß unser Eigentum wenigstens einigermaßen geschützt ist und wenigstens irgendwo eine Grenze aufgerichtet ist, an der dem fremden Zugriff gewehrt wird.

Der zweite Gebrauch des Gesetzes ist der, daß es zur Erkenntnis der Sünde dient. Und nun müßten wir uns unterhalten über unsere eigenen Gedanken, die sich untereinander verklagen und entschuldigen. Dies darf man doch nicht Diebstahl nennen, und jenes tun doch alle, also ist es nicht so schlimm, und jenes ist ja nur 'organisiert'. (Als ob ein Fremdwort die Sache anders machte.) Uns fallen die Hamsterfahrten ein, die Schwarzkäufe, die Kompensationsgeschäfte. Aber anders konnte man ja nicht existieren, mit den Lebensmittelmarken allein war ja niemand ausgekommen. Der Staat rechnete ja ohnedem schon damit, daß sich jeder etwas selbst besorgte. Seht, von da her ist es garnicht mehr weit bis dort hin, wo jemand zu seinem sehr eindeutigen Diebstahl sagt: "Es geschah ja aus Not, ich konnte doch die Meinen nicht verhungern lassen." Hinter jeder dieser Entschuldigungen steht eine Anklage unserer eigenen Gedanken, die zum Schweigen gebracht werden soll. Es darf das Ding nicht beim rechten Nahmen genannt werden und Diebstahl darf nicht Diebstahl heißen. Wenn wir uns einmal abgewöhnten, den Dingen ein harmloses Mäntelchen umzuhängen, wenn wir uns jede Entschuldigung selbst versagten, wenn wir jeder Anklage unserer eigenen Gedanken recht gäben, dann gäben wir dem Gott die Ehre, die ihm gebührt. Es meldet sich aber schon die Gegenrede: "Dann hat niemand dies Gebot gehalten, dann hat sich jeder versündigt, dann sind wir alle schuldig." Genau das meinten unsere Väter im Glauben, wenn sie uns lehrten, daß es keine Gerechtigkeit aus den Werken gibt, sondern nur eine Gerechtigkeit aus dem Glauben. Was dies aber bedeutet, das habe ich auch schon oft gepredigt, daß ich es jetzt nicht wiederholen, sondern nur daran erinnern will. Das ist also der zweite Gebrauch des Gesetzes; er dient zur Erkenntnis der Sünde, nimmt uns jede Entschuldigung und macht unsere Schuld vor Gott groß.

Dann aber kennt die Kirche der Reformation noch einen dritte Gebrauch des Gesetzes, nämlich den, daß man das Gesetz eben aus Lust und Liebe zu diesem guten und heilsamen Gesetz und seinem Geber h„lt. Nun wird garnicht mehr der Anspruch erhoben, daß wir es erfüllen können. Es ist mit dem Halten des Gesetzes auch nicht mehr die Absicht verbunden, dadurch Gerechtigkeit vor Gott zu erlangen. Das alles ist uns ja durch den zweiten Gebrauch des Gesetzes gründlich ausgetrieben. Aber wir haben keine Lust mehr, das Gesetz Gottes zu brechen, haben vielmehr Lust, es zu erfüllen, so gut es nur eben uns geraten will.

Ich will einen recht weltlichen Vergleich gebrauchen. In jeder Kunst gibt es Dilettanten, das sind Menschen, die in der Kunst nicht ausgebildet sind, die aber aus Lust und Liebe zeichnen, malen, musizieren dichten u.s.w. Schließlich gibt es ja auch in jedem Handwerk Bastler. Sie wissen, daß sie sich mit den rechten Künstlern und Könnern nicht messen können. Aber es macht ihnen eben Freude. So wollen wir uns denn in aller Bescheidenheit ruhig als Dilettanten in der Erfüllung des Gesetzes ansehen und die Meisterschaft darin den lieben Engeln überlassen.

So sind die Worte zu verstehen, die wir zum Lobpreis des Gesetzes im alten Testament, vor allem in den Psalmen hören. Da heißt es schon im ersten Psalm: "Wohl dem, der Lust hat zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht." Der längste Psalm, der 119. mit seinen 176 Versen ist ein einziger „Öffne mir die Augen, daß ich sehe die Wunder an deinem Gesetz." Wer so spricht, der weiß etwas von dem, was unsere Väter in der Reformationszeit den dritten Gebrauch des Gesetzes nannten.

Dieser dritte Gebrauch ist für meine Begriffe am schönsten ausgedrückt in dem Schriftwort Eph. 4,28:

"Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit den Händen etwas Gutes, auf daß er habe zu geben dem Dürftigen."

Es ist dies übrigens die einzige Ermahnung im ganzen Neuen Testament, die sich mit dem Diebstahl beschäftigt. Und sie steht als eine kurze Bemerkung in einer Reihe ähnlicher Ermahnungen. Über Selbstverständlichkeiten braucht man eben nicht viel Worte zu verlieren. Paulus rechnet damit, daß manche Glieder seiner Gemeinde früher gestohlen haben, auf die eine oder andere Art, ein wenig grober oder ein wenig feiner, sich am Eigentum des Nächsten vergriffen haben. Er rechnet aber auch gleichzeitig damit, daß sie dies nun nicht mehr tun und nicht mehr Worte darüber notwendig sind, als diese Erinnerung. Es ist ja alles in ihrem Leben neu geworden, darum wird und muß es ja auch in diesem Punkt neu geworden sein.

Ja, aber das soziale Elend und die Arbeitslosigkeit, der Mangel, der Hunger, die Vernichtung all unserer Habe, die wir erlebt haben! Liebe Freunde, soziales Elend und Arbeitslosigkeit hat es zu des Apostels Paulus' Zeiten reichlich gegeben, dabei aber noch nicht einmal Sozialversicherung und Arbeitslosenunterstützung. Ein Menschenleben galt damals nicht viel. Und des Apostels Paulus Gemeinden haben sich zum großen Teil aus den Entrechteten der Gesellschaft zusammengesetzt. Aber könnt ihr euch nicht vorstellen, daß es einem Menschen unmöglich geworden ist, überhaupt noch etwas wegzunehmen, daß er es einfach nicht mehr fertig bringt, und wenn er verhungern müßte? Da heißt es dann: "Ich will lieber warten, ob es meinem Herrn gefällt, mich zu ernähren und zu erhalten, als daß ich mir selbst auf meine frühere Art helfe." Da wird jedes Halten des Gebotes zu einem Gesetz des Glaubens und jede Übertretung zum Unglauben.

Und wenn es dem Herrn nicht gefällt, das Leben seines Jüngers zu erhalten, sondern er ihn sterben und verderben läßt? Man wagt ja gewiß kaum davon zu reden. Denn bin ich sicher, wie ich eine solche Versuchung überstehen würde? Aber meint ihr nicht, daß es eh und je Menschen gegeben hat, die verhungert sind und haben dabei Gott die Ehre gegeben - unter den Ausgebombten und Vertriebenen, in Gefängnissen und Elendslagern? Gewiß werden es wenige gewesen sein aber sie waren da. Sie sind nicht am Glauben irre geworden. Sie haben Gott und sein gutes Gesetz geehrt bis zum Tode. Sie haben aus ihrem eigenen Sterben sich selbst keine Ehre gemacht, sie konnten nicht anders. Seht, das sind solche, die den dritten Gebrauch des Gesetzes gelernt haben und aus Glauben gerecht geworden sind.

Amen.