Reformation

Das neunte und zehnte Gebot

Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Hauses. Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weibes noch seines Knechtes noch seiner Magd noch seines Ochsen noch seines Esels noch alles, was dein Nächster hat.(2. Mose 20,17 ...)

Mit dieser Predigt soll nun die Betrachtung über die zehn Gebote schließen; wir geben mit ihr dem Gesetz den Abschied. Es fragt sich aber nun für uns, ob wir mit ihm ins reine gekommen sind. Wir dürfen uns nämlich nicht nur äußerlich von ihm verabschieden, weil nun die Reihe der zehn Gebote abgehandelt ist, sondern wir müssen nun wissen, wie wir mit dem Gesetz als Ganzem daran sind.

Wenn wir aber mit dem Gesetz ins reine kommen wollen, so müssen wir hier unbedingt auf den Apostel Paulus hören. Niemand hat so unter dem Gesetz gestanden wie er. Er schildert sich selbst, daß er ein begeisterter Eiferer für das Gesetz war. Niemand aber ist auch innerlich mit dem Gesetz so fertig geworden wie er, und darum ist er ja auch der Apostel eines neuen Evangeliums, einer neuen frohen Botschaft geworden, die uns vom Fluch des Gesetzes erlöst hat. Er hat einfach als unser Vorkämpfer diese Frage nach dem Gesetz vorbildlich zu einem Ende gebracht. Darum, wenn wir schon uns selber fragen, ob wir nun mit dem Gesetz ins reine gekommen sind, dann müssen wir unbedingt auf ihn hören.

Was dies letzte der Gebote sagt, das ist eigentlich alles schon da gewesen. Wer des Nächsten Haus an sich bringen will, der kann es nur dadurch tun, indem er sich an dem Eigentum des Nächsten vergreift, und das ist eben schon durch das Gebot gesagt: Du sollst nicht stehlen. Wer des Nächsten Weib an sich bringen will, der muß das Gebot übertreten: Du sollst nicht ehebrechen. Und so ist es mit den anderen Menschen und Dingen auch, die sonst noch im zehnten Gebot genannt sind. Darum geht es hier nicht um Einzelheiten, um einzelne Verbrechen und Übertretungen, sondern es geht hier ums Gesetz.

Auch der Apostel Paulus sieht das so an. Es handelt sich jetzt um die Worte: Du sollst nicht begehren. Es handelt sich nicht darum, das Böse zu unterlassen, sondern wir sind gefragt, warum uns das Böse überhaupt lockt. Es geht auch nicht darum, daß wir Gutes tun, sondern wir sind gefragt, weshalb wir nicht von Grund auf gut sind. Die ganze Furcht vor dem Gesetz bringt es nicht fertig, uns von Grund auf gut zu machen. Natürlich haben wir Angst, die Gebote Gottes zu übertreten, weil uns Strafe droht. Es ist aber nicht genug, daß wir nur aus Furcht vor Strafe gehorsam sind. Der Apostel Paulus meint, Die Lust an dem Gesetz Gottes müßte bei uns zu finden sein. So wie es die Lust der Engel ist, den Willen Gottes zu tun, so müßte es die Lust der Menschen sein, nach Gottes guten Geboten zu leben. Im 103. Psalm heißt es:

Lobet den Herrn, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, daß man höre auf die Stimme seines Wortes.

Nun müssen wir uns fragen, warum wir nicht gleich den Engeln unsere Lust darin sehen, daß die Befehle unseres Gottes ausgerichtet werden. Warum sind wir nicht gleich den Engeln Zeugen dafür, daß man auf sein Wort hört? Wir sind ja alles andere; wir sind Zeugen dafür, daß man sein Wort verachtet und daß man seine Befehle übertritt.

Paulus sagt im Blick auf die Juden, deren Stolz es war, daß Gott ihnen seine heiligen zehn Gebote offenbart hat:

Du rühmst dich des Gesetzes und schändest Gott durch die Übertretung des Gesetzes, denn eurethalben wird Gottes Name gelästert unter den Heiden wie geschrieben steht im (Römer 2, 23-24).

Der Dienst der Engel sorgt dafür, daß Gottes Name geehrt und gerühmt werde. Wir leisten Gott einen schlechten Dienst, indem wir dafür sorgen, daß sein Name unter den Heiden und Ungläubigen gelästert und verunehrt wird. Darunter hat der Apostel Paulus innerlich gelitten. Es handelt sich nicht darum, ob die einzelnen verbotenen Dinge, die das Gesetz untersagt, nicht getan werden, sondern es handelt sich darum, warum es nicht unsere Lust ist, das Gesetz Gottes zu tun, damit sein Name geehrt werde, damit alle Welt erkenne, welch gutes Gesetz uns Gott gegeben hat. Im fünften Buch Mose, Kapitel 4, wird Israel ermahnt:

"Siehe ich habe euch gelehrt Gebote und Rechte, wie mir der Herr mein Gott geboten hat, daß ihr also tun sollt in dem Lande, darein ihr kommen werdet, daß ihr einnehmet. So behaltet nun und tut es, denn das wird euer Weisheit und Verstand sein bei allen Völkern, wenn sie hören werden alle diese Gebote, daß sie müssen sagen: Ei, welch weise und verständige Leute sind das und ein herrliches Volk, in dem Götter sich also nahe tun, als der Herr unser Gott, so oft wir ihn anrufen. Und wo ist so ein herrlich Volk, daß so gerechte Sitten und Gebote habe, wie all dieses Gesetz, das ich euch heutiges Tages vorlege."

Es ist ja nun die Frage an Israel, ob es wirklich ein Zeuge der Herrlichkeit dieses Gesetzes war, und es ist die Frage an die Christenheit von heute, ob die Heiden, die nicht glauben, dies Zeugnis über uns abgeben, das Mose von einem Volk erwartet, das mit Freuden das Gesetz Gottes h„lt. Solange in diesem innersten Punkt unsere gesamte Haltung dem Gesetz gegenüber nicht in Ordnung ist, haben alle Zügel, die wir uns von der Furcht vor der Strafe anlegen lassen, auch keinen rechten Wert.

Wenn der Apostel Paulus auf diese Grundfrage der inneren Haltung dem Gesetz gegenüber zu sprechen kommt, dann bedroht er uns nicht. Er ermahnt und beschwört uns nicht, unsere Einstellung dem Gesetz gegenüber zu berichtigen, sondern er tut etwas ganz anderes, er legt ein Selbstbekenntnis vor uns ab. Dies ist wohl die eindrücklichste Form, hierüber zu predigen. Dieses Selbstbekenntnis finden wir im siebten Kapitel des Briefes an die Römer. Er spricht ja hier zu einer Gemeinde, die ihm völlig unbekannt ist und deren einzelne Unarten er ebenfalls nicht kennt, über die er sich deshalb noch garkein Urteil erlauben darf. Er meint aber, daß, was er selber am Gesetz erfahren habe, das habe jeder redliche Christ auch erfahren, und seine Erfahrung habe deshalb allgemeine christliche Gültigkeit. Deshalb predigt er nicht eine Gemeinde an, sondern er spricht davon, wie es ihm selbst mit dem Gesetz ergangen ist.

Der kurze Inhalt dieses Selbstbekenntnisses ist folgender, daß Paulus von sich sagt: Ich bin ein zwiespältiger Mensch. Mein Geist hat Lust am Gesetz des Herrn. Dazu hat er eben den heiligen Geist empfangen, daß die Herrlichkeit des guten Gesetzes Gottes in ihm aufgegangen ist. Er fährt aber dann fort: Meine Glieder aber gehorchen nicht meinem inwendigen Menschen, es herrscht ein anderes Gesetz in meinen Gliedern als in meinem Geiste. Das ist der Unterschied zwischen dem besseren Selbst und den inneren Trieben, wie man das so oft heutzutage hört. Bloß daß sich hier der Apostel keiner Selbsttäuschung hingibt und meint, sein besseres Selbst würde sich am Ende doch durchsetzen gegen seine niederen Triebe. Er weiß ganz genau, welche Veranlagung sich mit brutaler Gewalt bei ihm durchsetzt. Das ist wie eine verfluchte Gesetzmäßigkeit, die sein ganzes Leben vergiftet und die er in die Worte faßt: "Ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das tue ich." Dies sagt nun ein Mann, der sich, wie man so sagt, nie etwas hat zuschulden kommen lassen, der von sich sagen kann, daß er nach der Gerechtigkeit im Gesetz gewesen ist unsträflich (Philipper 3,16). Wenn dies ein Mann sagte, der mit dem Gesetz in scharfen Konflikt gekommen wäre, das Gesetz seines Gottes übertreten und zerbrochen hätte, so könnte man das verstehen. Nun sagt es aber ein Mensch, der sich eigentlich nichts vorzuwerfen braucht und dem erstrecht kein Mensch etwas vorwerfen kann. Und darum ist gerade sein Selbstbekenntnis so erschütternd, daß er innerlich mit dem Gesetz nicht zurecht gekommen ist. Weil dies nun ein Selbstbekenntnis und zwar das Bekenntnis eines solchen Mannes ist, so ist die Frage an uns gerichtet: Stimmt dies Bekenntnis? Lautet unser Schuldbekenntnis und Selbstbekenntnis ähnlich? Oder sagen wir vielleicht, solche Skrupel teilen wir nicht und wir sind von derartigen Selbstquälereien frei, wir glauben nach wie vor an den guten Kern und das bessere Selbst in unserem Inneren, das sich am Ende trotz aller Sünde und trotz allen Strauchelns und Fallens doch durchsetzen muß?

Wie ist Paulus mit dieser inneren Last fertig geworden, die er so offen vor uns bekannt hat? Kann man überhaupt jemals damit fertig werden? Paulus sagt ja. Er ist ja nicht ein Prediger der Verdammnis, sondern ein Prediger der frohen Botschaft. Er will uns zwar jede Möglichkeit abschneiden, daß wir meinen, durchs Gesetz doch noch zu einer Art Gerechtigkeit zu kommen und durch unser Wohlverhalten das gnädige Wohlgefallen Gottes erringen zu können. Er ist aber der Verkünder einer neuen Gerechtigkeit, die nur vor Gott gilt. Er sagt mit rücksichtsloser Offenheit, daß die alte Gerechtigkeit, mit der wir meinen, einigermaßen das Gesetz Gottes gehalten zu haben, vor Gott nicht gilt. Er weiß aber etwas besseres von der Gerechtigkeit, die Gott anrechnet und die Gott gelten lassen will, und darum lohnt es sich zu hören, was er zu sagen hat. Wir müssen dies, was er über die neue Gerechtigkeit sagt, nun sehr kurz zusammenfassen und müssen versuchen, etwa in zehn Minuten das zu sagen, was Paulus in seinem ganzen Leben lang verkündigt hat. So schwierig das ist, so soll es doch versucht werden.

Er sagt erstens: Christus ist für mich gestorben. Er versteht das so: Was ich getan habe, das hat den Tod verdient. Er macht sich da keine Illusionen, daß es so etwas wie leichtere und schwerere Sünden gibt und die einen haben ein bißchen Strafe und die anderen haben eine härtere Strafe verdient, sondern er steht auf dem Standpunkt, wer Gottes Gebot übertreten hat, der hat sich von Gott ein für allemal geschieden. Gott ist das Leben und wer sich von ihm scheidet, der verfällt dem Tode. Anders ausgedrückt: So wie ich beschaffen bin, habe ich keine Berechtigung vor Gott zu leben. Aber dem Gesetz ist ja nun durch Christus genüge geschehen, da ist ja einer für mich gestorben und hat den Tod auf sich genommen, den ich verdient habe. Wie man nun über einen hingerichteten sagt, er hat gesühnt, so sagt Paulus, glaube ich, daß Jesus Christus für mich gesühnt hat. Das heißt, für das Gesetz bin ich tot und das Gesetz ist für mich tot; über einen toten Menschen hat das Gesetz nichts mehr zu sagen. Das Gesetz und ich, so sagt Paulus, haben nun nichts mehr miteinander zu schaffen, denn Christus ist für mich, den vom Gesetz geforderten Tod des Verbrechers gestorben.

Sofort wird der Mensch, der dieses hört, sagen: Dann kann ich ja tun und lassen, was ich will. Dieser Vorwurf ist auch dem Apostel Paulus oft genug begegnet. Nicht, als habe einer das wirklich gewollt, sich über alle Schranken des Gesetzes hinweg zu setzen, oder als habe jemand den Apostel Paulus in Verdacht gehabt. daß er das wollte, sondern man wollte ihm an diesem Punkte nur beweisen, daß er Unrecht hat und daß er das Gesetz nicht für tot und abgetan erklären kann. Darum fügt der Apostel Paulus seinem ersten Satz, Christus ist für mich gestorben, nun einen zweiten hinzu: Ich bin mit Christo gestorben. Er meint das so: Ich bin es ja eigentlich, der zum Tode verurteilt war. Mein Leben war verwirkt, für daß dann der Herr Jesus Christus sein Leben stellvertretend dahingegeben hat. Wenn ich also jetzt überhaupt noch lebe, so ist mir doch die Existenzberechtigung abgesprochen, denn das Urteil, das am Kreuz vollstreckt wurde, galt mir. Wenn ich jetzt noch lebe, dann habe ich kein Recht an dieses Leben mehr, ich habe das Recht eines freien Menschen verwirkt, ich bin der Sklave Christi geworden. Christus ist nämlich nicht für die gestorben, die dann beruhigt sich selbst weiter leben wollen und sagen, Gott sei dank, daß sich, - ich drücke mich einmal sehr oberflächlich aus, - ein dummer Mensch gefunden hat, der an meiner Stelle mit seinem Leben eingesprungen ist. Christus ist nicht deshalb für mich gestorben, damit ich jetzt womöglich ohne Gesetz und ohne Beachtung der Gebote Gottes tun und lassen kann, was ich will, sondern er ist nur für die gestorben, die ihr verwirktes Leben an ihn abgeben. Unser Herr Jesus Christus hat sich das Verfügungsrecht über unser Leben am Kreuz erworben.

Der Apostel Paulus sagt drittens: Christus ist nicht nur für mich gestorben, sondern auch für mich auferstanden. Ich lebe überhaupt nicht mehr mein eigenes Leben, sondern ich lebe das Leben Christi. Dessen Leben aber führt zunächst ans Kreuz und dann zur Herrlichkeit. Nehme ich am Leben Christi teil, so darf ich mich nicht wundern, wenn ich dazu aufgefordert und berufen bin, ihm dies Kreuz nachzutragen und dann auch an seiner Herrlichkeit teilzunehmen. Läßt er mich teilhaben an seinem Tode, dann läßt er mich auch teilhaben an seiner Auferstehung. Daher kann es bei dem Apostel Paulus zu solch merkwürdigen Worten kommen: Ihr seid gestorben und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott. Wir wollen auf den Wortlaut genau achten. Er meint nicht, daß wir alle einmal sterben müssen, sondern daß wir schon so gut wie gestorben sind. Und wenn wir noch leben, und er meint damit das ewige Leben, dann ist dieses Leben in Christo verborgen. Er sagt: Nun weiß ich erst, was wirklich leben heißt. Was war das für eine Qual unter dem Gesetz. Mein Leben war ständig bedroht von der Furcht vor Übertretung und Strafe. Was ist das für eine Herrlichkeit, das Leben Christi mitzuerleben, seinem Tode ähnlich zu werden, damit wir dann auch in seiner Herrlichkeit ihm gleich sein werden. Ich bin nun frei von der Furcht vor dem Gesetz, denn ich lebe in der Nachfolge des Herrn.

Auf diese Weise ist der Apostel Paulus mit dem Gesetz fertig geworden. Und wie gedenken wir mit ihm fertig zu werden? Es gilt hier auch das Sprichwort: Was nichts kostet, gilt auch nichts. Eine Erlösung, die nur Christus etwas kostet und uns nichts kostet, gilt ebenfalls nichts. Wir können uns nicht selbst erlösen, wir können unsere Schuld nicht selbst bezahlen. Aber es kostet uns schon etwas, daß wir die Verfügungsgewalt über unser Leben dem abgeben, der für uns gestorben und auferstanden ist. Der Apostel Paulus hat auf sein eigenes Leben verzichtet und ein besseres Leben gefunden.

Das Gesetz Gottes legt uns den Weg zum Tode und zum Leben vor. Wollen wir es nun mit dem Gesetz versuchen, den Weg zum Leben zu finden, oder wollen wir lieber den Weg der neuen Gerechtigkeit gehen, die nach des Apostels Botschaft vor Gott gilt?

Amen.