Aarons Segen

Rheinbach, den 1.Januar 1961

Predigt am Neujahrstag

 

4.Mose 6; 22 - 27

Und der Herr redete mit Mose und sprach: " Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Kindern Israel, wenn ihr sie segnet:

   Der HERR segne dich und behüte dich;
   der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
   der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Denn ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israel legen, daß ich sie segne.

 

Liebe Brüder!

Das neue Jahr wollen wir unter den Segen Gottes stellen. Welche Bewandtnis hat es um diesen Segen? Ist er nur ein frommer Wunsch, wie man sich gegenseitig das neue Jahr anzuwünschen pflegt? Es ist mehr als ein frommer Wunsch. Wer segnet denn hier eigentlich in dem, was dem Hohen Priester Aaron und seinen Söhnen und Nachfolgern geboten ist: "Also sollt ihr sagen zu den Kindern Israel, wenn ihr sie segnet“ und zum Schluss heißt es: "ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israels legen, daß ich sie segne“ Wer segnet nun hier ,der Priester, der Mensch oder Gott? Und darum, liebe Freunde, ist aller Segen nicht nur ein frommes Wünschen, sondern ist irgend etwas, das in Gottes Namen geschieht und hinter dem Gott selbst steht. Denn es ist ja nun nicht eine menschliche Erfindung, daß wir einander segnen, sondern es geschieht im Auftrag und Befehl Gottes. Es ist genauso wie bei den heiligen Sakramenten, wer denen glaubt, der hat, was sie sagen und was sie bedeuten und wer an den Segen glaubt, der ist gesegnet.

     Nun sind das hier uralte und hochfeierliche Worte. Sie gehören wohl zu den allerältesten Worten, die uns überhaupt in der Heiligen Schrift überliefert sind. Feierlich wird hier drei mal der Name Gottes genannt. Da, wo wir ja im Deutchen lesen: der Herr, steht der heilige Gottesname, den kein Israelit wagte auszusprechen. Man merkt auch in der hebräischen Sprache die Feierlichkeit dieses dreifachen Segens noch besser als in der deutschen Übersetzung. Man soll beachten, daß der erste Teil dieses Segens nur aus drei Worten besteht und der zweite Spruch aus fünf Worten und der dritte aus sieben Worten. So ist hier schon die Steigerung gegeben. Und erst recht, was den Inhalt dieses dreifachen Segens anbelangt. So ist er eine Steigerung von Glied zu Glied. " Der HERR segne dich und behüte dich " - hier ist also dem Menschen im Namen Gottes Glück und Heil angewünscht. Bewahrung vor allem Übel und allem Unfall. Das Gute soll ihm beschieden sein, das Böse soll von ihm abgewehrt sein. Gottes Segen und Gottes Hut und Gottes Bewahrung, die sind dem, der gesegnet wird, durch diesen Spruch beigelegt. Nun, liebe Freunde, es heißt nun nicht wie bei uns: ein gesundes und glückliches neues Jahr - denn wenn es so hieße, dann wäre das ja wahrhaftig nur ein frommer Wunsch, denn wer kann denn wirklich dafür garantieren, daß dieses Jahr uns lauter Glück und Gesundheit bringt. Das kann kein Mensch. Das bringt auch kein Segen fertig, und solch eine Zauberformel gibt es nicht, daß das alles so dem Menschen herbeigeschworen werden kann. " Der HERR segne dich und behüte dich " dahinter steckt ein ganz bestimmter Glaube. Dahinter steckt der Glaube, den der Apostel Paulus einmal in solche Worte kleidet: wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen. Oder wie es einmal in unserem Gesangbuch heißt: es kann mir nichts geschehen als was er hat ersehen und was mir selig ist.

     Alle Dinge zum besten. Liebe Freunde, also für die, die Gott lieben, existiert hier das Wort " Zufall " nicht. Sondern alles, was ihnen widerfährt, das kommt von Gott - und kommt von dem Gott, der ihnen gnädig ist. Von Gott, der ihr Heil sucht. Kein Unheil kommt von Gott, sondern lauter Heil. Ich spreche von denen, die Gott lieben. Was den anderen widerfährt, das  weiß ich nicht. Aber es ist gar nicht so selten, daß einem Menschen, der in lauter Glück und strotzender Gesundheit dahergeht, all das, was ihm das neue Jahr an Gutem und Wünschenswertem bringt, zum Bösen gereicht, zum Unheil und nicht zum Heil. So kann das, was wir uns gegenseitig wünschen, unser Unheil bedeuten. Und das, was wir fürchten und abwehren möchten, darin kann gerade das Heil liegen. " Der HERR segne dich und behüte dich " - wir begreifen nun, was das Sprichwort sagt: an Gottes Segen ist alles gelegen. Nichts Gutes ist eigentlich gut, wenn es nicht durch den Segen Gottes uns zukommt. Nichts Böses ist wirklich böse und unheilvoll, wenn es denen, die Gott lieben, von ihrem Vater gesandt wird. Das ist der Glaube, der hinter dem ersten Teil dieses Segens steht: " Der HERR segne dich und behüte dich."

     Und nun wäre ja zu fragen, was haben wir weiter noch zu wünschen und zu begehren, als daß dieser Teil des ersten Segens in Erfüllung gehe und über uns walte. Gibt's noch mehr zu wünschen? Freilich gibt's noch mehr zu wünschen: " Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig ". Da wird mancher sagen, ja, das ist ein wenig weiter ausgeholt als der erste Segensspruch, aber was bringt dieser zweite Segenswunsch eigentlich Neues und Besonderes. " Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig " - liebe Freunde, wir brauchen uns nur einmal das Gegenteil zu denken, das Gottes Angesicht sich gegen uns verfinstert. Daß, Gott sich uns verbirgt. Daß Gott ferne von uns tritt und uns nicht nahe ist. Was das bedeutet, das kann natürlich nur der empfinden, der einmal die Nähe Gottes gespürt hat - und nun auf einmal ist es um ihn tot und leer und dürr, und nichts bedeutet ihm mehr was, und kein Bibelwort sagt ihm mehr etwas, und das Beten ist nur lästige Formel geworden, denn man weiß von vornehinein, wenn ich so bete, kann ich nicht erhört werden. Also man muß die Herrlichkeit Gottes gesehen haben, so wie Johannes das sagt: " Wir sahen seine Herrlichkeit " - dann weiß man, was einem fehlt, wenn auf einmal Gott sein Angesicht verbirgt. Wenn der König David in dem einen Psalm bittet: " Nimm deinen heiligen Geist nicht von mir ". Dann muß man diesen heiligen Geist mindestens einmal gehabt haben, um zu merken, was einem genommen werden kann. Also es ist hier von Dingen die Rede, die den geistlichen Menschen angehen und deren Verlust nun der geistliche Mensch entbehrt. Hat also der erste Teil des Segens von den leiblichen Gaben gesprochen, von leiblichem Segen und leiblicher Bewahrung, so spricht der zweite Teil von den geistlichen Gaben. Und der Herr verspricht uns so zu segnen, daß er auch im kommenden Jahre an diesen geistlichen Gaben uns nichts mangeln lassen wird.

     Der dritte Teil des Segens, der erfordert nun zwei Vorbemerkungen:" Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden ". - Was heißt das eigentlich? " Der HERR hebe sein Angesicht über dich "?  In unserer modernen Sprache, unserem Deutsch ausgedrückt, will das nichts anderes sagen als: der Herr lasse dich nicht aus seinen Augen. Der Herr wache stets und ständig über dir als sei sein Angesicht ewig über dich geneigt, daß er auf dich sieht. Zweitens müssen wir jetzt einmal beachten, wer denn hier eigentlich angeredet ist. Angeredet sind ja die Kinder Israel. Dieses " Du ", das in dem dreifachen Segen steckt, das darf uns nicht dazu verleiten und verführen zu meinen, ich sei hier persönlich angeredet, sonder hier ist das Volk Gottes als eine Einheit angeredet - das auserwählte Volk Gottes. Also diesen ganzen Segen habe ich niemals für mich privat, sondern den habe ich immer nur in der Gemeinschaft des auserwählten Volkes, in der Gemeinde der Heiligen, wie wir das im dritten Artikel unseres Glaubensbekenntnisses bekennen. Nur als Glied dieser Gemeinde, nur als Glied dieses auserwählten Volkes habe ich Teil an dem Segen, der dieser Gemeinde, diesem Volke gilt. Daher heißt es ja auch " das auserwählte Volk ", weil Gott sein Angesicht über diesem Volk erhoben hat und besondere Acht auf dieses Volk hat - , vor allen Völkern der Erde.

     Wenn nun hier gesprochen ist von dem Frieden, dann ist selbstverständlich der Friede gemeint, der höher ist als alle Vernunft. Was heißt das eigentlich: Friede " höher als alle Vernunft". Liebe Freunde, ich habe eben davon gesprochen, daß ein Mensch, der alles Glück und allen Erfolg hat, trotzdem in bitterstem Unfrieden mit Gott sein kann, - im Grunde ein friedloser Mensch. Und genauso ist es umgekehrt. Es kann ein Mensch vom Unglück verfolgt sein, aber der Friede scheint bei ihm unzerstörbar zu sein. Das ist die Freude, von der der Herr Jesus Christus einmal sagt:" die soll niemand von euch nehmen." Das ist der Friede, von dem er auch gesagt hat: " meinen Frieden lasse ich euch .In der Welt habt ihr Angst, seid getrost, ich habe die Welt überwunden ".Und weil es diesen Frieden mitten im nglück geben kann, mitten in der Heimsuchung, mitten in der Trauer, mitten in der Angst ums eigene Leben, weil das ein Friede ist, der schier unfaßlich ist, deshalb ist von dem Frieden gesprochen " über alle Vernunft ".Aber das habe ich ja eben gesagt, diesen Frieden, den findet man nur vor dem Angesicht Gottes, und man hat bloß Teil an diesem Frieden, wenn man ein Glied der Gemeinde ist, die vor dem Angesicht Gottes sich versammelt. Mit anderen Worten: dort, wo dieser Segen gesprochen wird, da wird sich auch der Segen finden, und dieser Segen ist ja dazu gegeben, daß er in der Gemeinde gesprochen wird. Eigentlich ist es verwunderlich, daß nicht jeder christliche Gottesdienst von Anfang an mit diesem Segen geschlossen hat. Eigentlich ist es verwunderlich, daß erst die Reformation kommen mußte, um wieder das zu tun, was hier Aaron und seinen Söhnen befohlen ist. Seit der Zeit schließen unsere evangelischen Gottesdienste mit diesem Segen. Seit der Zeit werden die Hände über die Gemeinde bei diesen Worten erhoben: " Ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israel legen, daß ich sie segne ". Darum , liebe Brüder, will ich glauben, daß ich auch im kommenden Jahre nicht vergeblich segne. Und ihr dürft glauben, daß ihr nicht vergeblich gesegnet werdet.

 

Amen.