Das Wort...

Pfarrer F. Langensiepen Rheinbach, den 25. 12. 1963

 Aachenerstraße 39

 

Predigt auf das Christfest 1963

Evgl. Johannes 1, 14         Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

 

Liebe Brüder!

Ich möchte natürlich nicht nur über einen Vers des Evangeliums vom Weihnachtstag predigen, sondern von dem ganzen Anfang des Johannesevangeliums, wie wir ihn soeben schon vom Altar gehört haben.

Wir hörten die Weihnachtsgeschichte so, wie sie uns Johannes berichtet; das ist des Johannes Weihnachtsgeschichte. Sie unterscheidet sich von der des Lukas, die wir gestern hörten. Während der Evangelist Lukas den Blick aus das lenkt, was auf der Erde geschehen ist, im Stall zu Bethlehem und bei den Hirten, richtet der Apostel Johannes unseren Blick auf die Bedeutung im Himmel, was dort sich ereignet hat.

Es ist die Gefahr des Weihnachtsfestes, daß wir zu rasch mit unserem Blick bei dem irdischen Geschehen hängen bleiben, uns nur mit Maria und Joseph, der Krippe, den Hirten und Königen beschäftigen, dabei aber vergessen, was eigentlich das alles bedeutet, was Gott uns in diesem Geschehen gesandt hat. Darauf richtet der Evangelist Johannes unseren Blick; dahin wollen wir ihn uns auch richten lassen.

Der Evangelist will sich nicht in geheimnisvollen Worten ausdrücken, wenn er anfängt: „ Im Anfang war das Wort „.Er bemüht sich vielmehr, die himmlischen Dinge uns erklärlich zu machen, - soweit sie sich überhaupt erklärlich machen lassen. Begreiflich machen kann er sie uns nicht, denn himmlische Dinge zu begreifen, liegt nicht in des Menschen Kraft und Kunst. Aber er versucht uns zu erklären, um welch großes himmlisches Geheimnis es sich hier handelt.

So beginnt er denn: „ Im Anfang war das Wort „. Er fängt an, mit uns vom Wort Gottes zu reden. Er meint nicht etwa das Wort Gottes, wie wir es im heiligen Bibelbuch haben, sondern das Wort Gottes, das am Anfang der Schöpfung erklungen ist. Denn so fängt das Bibelbuch an; „ Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde – und Gott sprach, und es geschah also.“ Das,  was keines Menschen Ohr gehört hat, als Gott sprach und es ward, dieses Wort meint der Apostel Johannes. Von diesem Wort heißt es später einmal: er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort. Darum beginnt Johannes sein Evangelium so, wie die fünf Bücher Mose beginnen: „ Im Anfang „.

Johannes will uns damit sagen, so wenig wie Gott von seinem  Wort geschieden werden kann, so wenig kann auch Christus von Gott getrennt werden. So wenig wie ich einen Abstand setzen kann zwischen Gott und dem, der da in Bethlehem geboren ist, so wenig ist sein Wort von ihm zu trennen. Christus sagt später einmal von sich selbst: „ Wer mich sieht, der sieht den Vater „ und von seinem Wort, es sei das Wort des Vaters. Er sagt auch: „ Ehe denn Abraham war, bin ich“ –von Ewigkeit zu Ewigkeit, im Anfang schon dabei gewesen als Gott das Wort sprach, mit dem er die Welt erschuf. „ Ich und der Vater sind eins! „ auch das sind seine Worte.

Von diesem Wort sagt nun Johannes: „ In ihm  war das Leben, und das Leben war das Licht der Welt.“ Das sagt er nicht etwa schon von Jesus Christus, sondern von dem Wort, das damals von Gott gesprochen wurde als die Erde hervorbrachte allerlei Lebewesen und die Sonne geschaffen wurde, damit Leben auf der Erde gedeihen könnte. Wir wissen ja, unsere Lebensmöglichkeit hängt vom Lichte ab; das Licht schafft das Leben und wo nicht Licht, wo Finsternis ist, da stirbt das Leben. Das gilt für das leibliche Leben so gut wie für das natürliche. Wenn wir in der Finsternis bleiben, dann sind wir des Todes.

Nun aber sagt der, von dem hier die Rede ist: „ Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Wem  e r das Licht bringt, und wer von diesem Licht sich bescheinen läßt, der darf leben. Das, was vor Gott „ leben „ heißt, bedeutet nicht ein paar Jahre oder Jahrzehnte hier auf Erden leben, gesund sein und alt werden, sondern  e w i g leben. Wir wandeln in der Finsternis bis wir in der Finsternis eingehen vor Hunger nach Licht. Hier wird uns Licht und Leben versprochen von dem, durch den Licht und Leben geschaffen sind und der gekommen ist, uns Licht und Leben zu bringen.

Wollen wir uns einmal vorstellen, dieses Wort Gottes sei so etwas wie eine selbständige Person, habe Gestalt und Wesen angenommen und sei uns gleich geworden. – Das heißt, vorstellbar ist das eigentlich nicht  für uns. Gott ist Gott, und wenn er spricht, ist und bleibt er Gott. Und nun soll auf einmal sein Wort Gestalt angenommen haben, soll sich so weit erniedrigt haben, daß es wie ei n Mensch unter uns aufgetreten und erschienen ist? – Gott tritt uns unmittelbar gegenüber in seinem fleischgewordenen Wort. Wer  I h n hört, der hört Gottes Wort. „ Wer mich sieht, der sieht den Vater, - Ich und der Vater sind eins „- so habe ich zu Anfang die Worte unseres Herrn Jesu Christi aus dem Johannesevangelium zitiert. Um dies große Geheimnis handelt es sich hier, das uns der Evangelist Johannes erklären will. Jetzt ist uns Gott sichtbar, hörbar geworden. Zum Greifen nahe gekommen. Nicht unseren Gedanken begreiflich, sondern so, wie Johannes in seinem ersten Brief sagt: was unsere Hände angefaßt haben, - das Wort des Lebens, - was wir gesehen haben mit unseren Augen; das leibhaftig gewordene Wort Gottes!

Um uns auf andere Weise deutlich zu machen, was sich mit der Fleischwerdung des Wortes Gottes ereignet hat, redet der Evangelist von Johannes dem Täufer.

( Beide heißen ja Johannes, der Evangelist und der Täufer. ) „ Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes, der kam zum Zeugnis, daß er von dem Licht zeugte, auf daß sie alle durch ihn glaubten. Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht. „ Der Täufer war wie ein Spiegel, in dem sich das Licht bricht, aber das Licht selbst war er nicht. Das Licht spiegelte sich nur in diesem Menschen „ von Gott gesandt „, Johannes.

Von Johannes dem Täufer heißt es, er war ein Mensch, von Gott gesandt. Das wäre zu wenig gesagt von diesem anderen Menschen, der da zu Bethlehem in der Krippe geboren ist. Dieser ist das wahrhaftige Licht, das alle Menschen, die in diese Welt kommen, erleuchtet. Solch ein großer Unterschied ist zwischen einem Menschen, - und sei es auch Johannes der Täufer, - und dem, der da von Maria zu Bethlehem geboren ist.

Wer vom Licht redet, muß auch von der Finsternis sprechen. Wir meinen immer, Finsternis sei immer nur ein Mangel an Licht, und so sehen wir auch unsere eigene Finsternis an. Es mangelt so einiges, daß es in und um uns Licht wäre. Licht und Finstern sind ja nur Vergleiche. Das Böse ist dunkel, das Gute ist hell. Selbstverständlich wollen wir nur das Gute – alle Menschen wollen das Gute. Wie kommt es nur, das Böses daraus wird, daß alles verkehrt wird, alles schlecht wird, was wir anfangen, alle unsere guten Vorsätze zunichte werden und zu Schluß doch die Finsternis triumphiert? Im Grunde wollen wir doch das Gute! Finsternis ist eben nicht nur ein Mangel an Licht. Finsternis ist eine Macht, die sich dem Licht widersetzt. Das Böse ist nicht nur das, was wir an Gutem verfehlen, sondern eine Macht, die das Gute nicht w i l l  , nicht zum Zuge kommen läßt und nicht leiden kann, daß das Gute sich durchsetzt.

Und in dieser Finsternis sind wir nun alle befangen. Das sieht man erst, wenn das Licht erscheint. Dann bleiben nämlich alle gerne in der Finsternis. Ihre Taten sollen nicht offenbar werden. Wie groß diese Finsternis ist, ist  nie stärker sichtbar geworden wie in der Kreuzigung eben dessen, dessen Geburt wir eben heute feiern. Das war ja keine Verbrecherbande, die ihn gekreuzigt hat, sondern das waren alles gute Menschen, die das Beste wollten, die für  Gott eiferten, die Gottes Gesetz hochhielten und was wir  sonst noch alles von ihnen zu rühmen wissen. Trotzdem haben sie den Sohn Gottes gekreuzigt und wollten das Licht auslöschen, „ das jedermann, der in diese Welt kommt, erleuchtet „.

An das Licht kommen, liebe Freunde, - haben wir nichts, was mit dem Schleier der Dunkelheit verdeckt bleiben muß? Haben wir nichts, was nicht offenbar werden soll? Können wir so ohne weiteres ans Licht treten ohne, daß uns das Licht bloßstellt? In diesem Licht erkennt sich jeder so wie er ist und wie er sich bis jetzt nie gesehen hat. Wer setzt sich schon solchem Lichte aus?

Trotzdem gibt es einige Leute, die halten es nicht aus, in der Finsternis zu bleiben, sondern kommen ans Licht. Nicht, weil sie besser wären, nicht, weil sie das Licht nicht scheuen brauchten, sondern weil sie es einfach nicht aushalten, länger in der Finsternis zu vegetieren, länger des Todes zu sein. Sie verlangen einfach nach dem Licht, wie jede Pflanze nach dem Licht drängt, weil Licht ihr Lebenselement ist. Die aber  ans Licht kommen, an denen geschieht ein Wunder. Sie werden Kinder des Lichts. Das heißt, naiv ausgedrückt, sie fühlen sich im Licht wohl, sie wollen und können einfach nicht mehr in die Finsternis zurück. Sie müssen einfach ans Licht, das sie leben heißt, - ewig leben.

Ich sagte, an ihnen geschieht ein Wunder. Gottes eingeborner Sohn ist Mensch geworden, und Johannes sagt in unserem Text: „ Wie viele ihn aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden. „ So, wie Gottes Sohn ein Mensch geworden ist, so sollen diese armseligen Menschen Gottes Söhne werden. Von unserem Herrn Jesus Christus bekennen wir, daß er von der Jungfrau Maria geboren sei, „ nicht von dem Geblüt noch dem Willen des Fleisches gezeugt. „ Und nun heißt es hier von den Söhnen Gottes, also von uns, von all den armseligen, lichtscheuen Kreaturen, die zum Licht gekommen sind und denen ein neues Leben aufgeblüht ist: „ welche  nicht von dem Geblüt, noch von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind. „ Bitte, nicht von unserem Herrn Jesus Christus ist das hier gesagt, sondern von uns! Das ist das große Geheimnis der Wiedergeburt durch den Heiligen Geist, den wir nicht von Natur mitbekommen haben, den wir auch nicht erben können, hätten wir auch die besten Eltern. Das ist das neue Leben, das uns nur Gott geben kann. In diesem Stück gleichen wir irgendwie dann dem, der Gottes eingeborener Sohn ist. Wir bekennen von Jesus Christus: empfangen vom Heiligen Geist. Und hier bekennen wir von solchen Leuten, die sein Eigentum werden, die ihn aufnehmen: denen gibt er Macht, Gottes Söhne zu werden. Sie sind nicht auf natürliche, sondern auf ganz übernatürliche Weise wiedergeboren, - von Gott geboren. Diesen Ausdruck, den man eigentlich nur auf Jesus Christus anwendet, den legt der Evangelist Johannes allen Jüngern Jesu bei.

„ Das Wort „ ,sagt Johannes, „ ward Fleisch und wohnte unter uns. „ Er benutzt hier ein Wort, mit dem man das Aufschlagen eines Zeltes bezeichnet. Er denkt gewiß an das Tempelzelt, das damals die Kinder Israels als Heiligtum durch die Wüste begleitete, das Zelt, in dem die Herrlichkeit Gottes erschien und an die Wolke – und Feuersäule, die über dem Zelt ruhte und  die das Volk sah. Ersagt ja dann auch: „ und wir sahen seine Herrlichkeit. „ Alles, was der Jude vom Tempel aussagt, sagt hier Johannes von dem, der in Bethlehem geboren ist: „ Er zeltete unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. „ Wenn Johannes in seiner Offenbarung das himmlische Jerusalem schaut, fällt ihm das Fehlen des Tempels auf: „ Und ich sah keinen Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott ist ihr Tempel, und das Lamm. „ So also war ihm zu Mute, wie er als Jünger Gemeinschaft mit Jesus von Nazareth hatte. In ihm sah er die Herrlichkeit Gottes verkörpert. Die verkörperte Herrlichkeit Gottes – das fleischgewordene Wort Gottes, beide  Ausdrücke umschreiben dasselbe Geheimnis.

Denken wir noch einmal zurück, dann hat der Apostel Johannes uns hier in diesem Vers mit zwei unbegreiflichen Geheimnissen bekannt gemacht, einmal mit dem Geheimnis, wie Gott selbst ein Mensch geworden ist und mit dem ebenso großen Geheimnis, wie wir armselige Geschöpfe Gottes Söhne werden können.

A m e n