1. Kor. 13

  27. Mai 1957

Johannes 16

  • (27)denn (a) er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, daß ich von Gott ausgegangen bin.
  • Liebe Freunde! Bisher habe ich hier und da die Predigten über die zehn Gebote verteilt. Nun will ich fortfahren mit dem zweiten Hauptstück unseres Katechismus, dem Glaubensbekenntnis. Hierüber will ich in diesem Sommer predigen und auch diese Predigten vervielfältigen und unter euch verteilen.
  • Da heißt es nun zunächst: „Ich glaube an Gott, den Vater,“ darüber wollen wir heute reden. Vielleicht muß man aber vorher über das gesamte Glaubensbekenntnis einen Satz sagen. Dieses Glaubensbekenntnis steht nicht in der Bibel, wie manche Leute annehmen. Immer wieder hört man im Unterricht von den Kindern, das Glaubensbekenntnis stände in der Bibel und die zehn Gebote stammten von Dr. Martin Luther. Die zehn Gebote, die stehen in der Bibel, im zweiten Buch Mose. Das Glaubensbekenntnis stammt auch nicht von Dr. Martin Luther, sondern stammt aus der allerersten Zeit der Christenheit. Es ist also nicht Gottes Wort, sondern es ist unsere Antwort auf die Botschaft, die wir aus Gottes Wort gehört haben. Wie wir diese Botschaft verstanden haben und wie wir diese Botschaft in unserer Sprache wiedergeben und zusammenfassen, das will das Glaubensbekenntnis sagen. Und ein zweites: Dieses Glaubensbekenntnis ist das gemeinsame Bekenntnis der gesamten Christenheit. Gott Lob und Dank, daß wir solche Zeugnisse haben, in denen die gesamte Christenheit sich einig ist und einmütig das selbe bekennt. Darum, wer dieses Bekenntnis nicht mit uns bekennt – der mag ein frommer Mensch sein, der mag gottesfürchtig sein, er mag sehr religiös sein, aber zu den Christen zählt er nicht, denn er kann ihr Bekenntnis nicht mitsprechen. Wir wollen uns nur ja davor hüten, solchen Menschen ihre Frömmigkeit und die Ernsthaftigkeit ihrer religiösen Gesinnung abzusprechen. Aber für einen Christen können wir nur den halten, der dieses Bekenntnis mit uns sprechen und bekennen kann.

    Vor Jahrzehnten war es Mode, Gott zu leugnen. Jeder, der da bekannte, es kommt alles von selber, und alles ist durch die Natur entstanden, durch die ewigen Naturgesetze, der dünkte sich damals wer weiß wie klug und fortschrittlich zu sein. Heute ist es anders. Heute ist es Mode geworden, Gott zu bekennen. Ihr glaubt gar nicht, wieviel Leute zu einem Pfarrer kommen und zunächst einmal versichern: Ich glaube an Gott, ich glaube auch an ein höheres Wesen. Dabei fällt mir immer wieder der alte, launige Ausspruch eines Amtsbruders ein, dem auch einmal jemand sagte: Ich glaube an Gott. Der bekam von diesem Pfarrer die Antwort: „Nun, das ist etwas Rechtes.“ Das kommt mir so vor wie bei einem unehelichen Kind; das glaubt auch, daß es einen Vater hat. Und es stimmt sogar, es hat auch einen Vater. Aber der Vater will nichts von dem Kind wissen und das Kind nichts vom Vater. Seht, wenn wir so an Gott glauben, dann nützt’s uns nichts, dann hift’s uns nichts.

    Wie sind wir denn nun überhaupt mit diesem Gott dran? Nun kommen also die großen Zweifel. Wenn ich an ein höheres Wesen glaube, wie stellt sich dann dieses höhere Wesen zu mir persönlich? Ist dieses höhere Wesen für mich zu sprechen, oder bin ich für dies höhere Wesen überhaupt nicht da? Läßt mich dieser Gott nicht sterben und verderben? Läßt er mich nicht in Schuld stürzen, ohne daß ich es ahne und ohne daß ich gewarnt bin? Rechnet er mir nicht Sünden an, von deren Schwere ich keine Ahnung hatte? Ist dieser Gott nicht vielleicht wie ein unbarmherziger Richter, der alle Schuld und Missetat heimsucht, - bis ins dritte und vierte Glied? Oder vielleicht bin ich ihm viel zu klein, zu unbedeutend. Vielleicht geht er über mich hinweg, wie des Menschen Fuß aber die Ameise im Walde weggeht und achtet gar nicht darauf, wieviel Leben er da zertritt mit seinem Fuß. Hat es Zweck, zu diesem Gott zu beten, hört der überhaupt? Ist der überhaupt für mich da? Seht liebe Freunde, damit, daß ich sage: Ich glaube an Gott, ist furchtbar wenig gesagt. Dann kommen ja eigentlich erst die Anfechtungen, die eigentlichen Zweifel. Wie bin ich mit diesem Gott dran? Ist dieser Gott, an den man heute gerne und so allgemein glaubt, ist dieser Gott mein Vater? Daß er mein Schöpfer ist, das ist ohne weiteres zugegeben. Aber die ganze Schöpfung könnte mich nicht davon überzeugen, daß er mein Vater ist. Wie heißt es da im Psalm: „Der du die Menschen läßest sterben und sprichst: Kommt wieder Menschenkinder.“ Ist das vielleicht Vaters Art, geht ein Vater so mit seinen Kindern um? Schöpfer, da glaube ich gerne dran, aber die Schöpfung kann mir nicht klar machen, daß Gott sich väterlich zu mir stellt. Und ich würde nicht daran glauben, daß dieser Schöpfer mein Vater sei, wenn nicht der Sohn Gottes mein Bruder geworden wäre. Dies ist nämlich der einzige Grund, um an die Liebe Gottes zu glauben, daß er wirklich väterlich sich zu uns stellt, weil der eingeborene Sohn unser Bruder geworden ist. Er ist gekreuzigt worden mit dem Schuldspruch: Er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht . Und der Apostel Paulus bekennt von ihm im Anfang des Briefes an die Römer: „Er ist kräftig erwiesen als der Sohn Gottes, seit er auferstanden ist von den Toten.“ Daß dieser Sohn Gottes sich so zu uns herabgelassen hat, daß er sich uns gleichgemacht hat, daß er sich an uns und unsere Unart ausgeliefert hat, das ist der einzige überzeugende Grund von der Liebe Gottes. Daher heißt es: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab.“

    Aus der Schöpfung können wir niemals mit Gott klar kommen, sondern diese Liebe Gottes, die uns in seinem Sohn offenbar geworden ist, die überzeugt uns tatsächlich, wir dürfen in Gott unseren Vater sehen. Er will etwas von uns wissen, er will mit uns zu tun haben, er zählt uns zu seinen Kindern. Das war nämlich so. Wir sind Gottes entlaufene Kinder gewesen. Wir haben die Verbindung zwischen dem Vater und uns selber abgerissen. Dann hat Gott gesagt: Nun seht auch zu, wie ihr fertig werdet, und erfahret am eigenen Leibe, wohin ihr ohne mich kommt. Dann ist es uns so ergangen, wie es im Gleichnis vom verlorenen Sohn steht. Seht, liebe Freunde, über dieses Gleichnis predigt man in einer solchen Kirche wie der unseren nicht gerne. Es könnte mißverstanden werden. Es könnten sich da einige speziell angeredet fühlen als verlorene Söhne. Es könnten einige meinen, dies Gleichnis sei nun gerade auf sie gemünzt.- Aber es geht doch nicht nur euch an, sondern es geht uns alle an, es geht jeden Christen an. Es geht jeden Menschen an, der sich von Gott entfernt und die Verbindung zwischen sich und dem Vaterhaus zerrissen und gelöst hat; Gottes verlorene Kinder. Und dann ist da der eine gewesen, der in der Gemeinschaft des Vaters und des Vaterhauses geblieben ist, der die Verbindung zwischen dem Vater und sich nicht in einem Rausch der Selbständigkeit gelöst und abgerissen hat, - der Eingeborene, der Gehorsame. An ihm allein können wir sehen, was es heißt, ein Sohn Gottes zu sein. An ihm allein können wir noch das Bild erschauen, wie ein Sohn Gottes auszusehen hat. Daß dieser eingeborene Sohn sich zu uns erniedrigt hat, darin begegnet uns seine brüderliche Liebe und die Liebe seines Vaters.

    Aber nun ist es ja irgendwie kritisch für einen solch ganz anderen Sohn, unter uns verlorene Söhne Gottes zu treten. Es kommt darauf an, wie wir ihn empfangen, was wir mit ihm machen, wie wir uns zu ihm stellen. Werden wir nun vor Freude aufjubeln, das der einzige, der beim Vater geblieben ist und sich herabläßt, uns zu besuchen, werden wir uns seiner Erscheinung freuen? Oder wird’s vielleicht so gehen, wie es dem Josef unter seinen Brüdern ging. Der war ja auch anders als die übrigen Brüder. Er stand in einer merkwürdigen Gemeinschaft zu seinem irdischen Vater und zu seinem himmlischen Vater. Deshalb war er von seinen Brüdern gehaßt, und deshalb wurde er von seinen Brüdern verraten und ausgeliefert und verkauft. Vielleicht werden wir so mit dem eingeborenen Sohn umgehen. Vielleicht wird es uns auch so ärgern, daß er der ganz andere ist. „Der will besser sein als wir, der will etwas anderes sein als wir“ Wir werden wohl auch auf gute oder böse Weise uns seiner entledigen, denn wir wollen nicht, daß einer anders ist, und uns ewig den Spiegel vorhält, was wir eigentlich sein sollten. Seht, so ist es ja dem eingeborenen Sohn unter uns gegangen. Darum sagt der Evangelist Johannes: „ Er kam in sein Eigentum, aber die seinen nahmen ihn nicht auf.“

    Dann aber fährt Johannes fort: „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben.“ Da steht ja doch etwas davon, daß wir durch ihn Vollmacht empfangen, wieder Gottes Kinder zu werden, daß durch ihn und seine Mittlerschaft Gott wieder unser Vater sein will, un zwar für die, die an den Namen des Sohnes Gottes glauben. „Denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben.“ Wer Jesus aufnimmt als den Sohn Gottes, der findet an dem Vater Jesu auch wieder den Vater, der sich zu ihm, dem entlaufenen, dem verlorenen Sohn bekennt. Es geht alles durch i9hn und über ihn. Was nützt uns Gott im Himmel, wenn er uns nicht liebt? Aber in dem eingeborenen Sohn ist uns die Liebe Gottes wieder nahe gekommen und überzeugend erschienen. Das ist ja auch, was der Herr Jesus Christus selbst hier in diesem Verse aus dem 16. Kapitel des Johannes sagt: „Er selbst, der Vater, hat euch lieb, darum das ihr mich liebet und glaubet, daß ich von Gott ausgegangen bin.“ Es braucht niemand vom lieben Gott zu reden, der den Herrn Jesus Christus nicht liebt. Es hat keiner einen Vater im Himmel, der da nicht glaubt, daß der eingeborenen Sohn von Gott ausgegangen ist.

    Und nun, liebe Freunde, steht der eingeborene Sohn vor uns als das Bild, das einmal aus uns wieder werden soll. Das Bild unserer selbst, das wir durch unsere Schuld verunehrt und entstellt haben, das Bild der Würde und der Ehre, zu der uns Gott berufen hat als seine Söhne. So wie er ist, sollten wir sein. Da fällt mir zweierlei an dem Bilde Jesu Christi auf: erstens, der unbedingte Gehorsam – bis zum Tod am Kreuz. Wir meinen ja alle, der Gehorsam fände dann seine Grenze, wenn es ans Leben ging, dann seien wir von allem Gehorsam dispensiert. Denn daß wir unser Leben für ihn wagen, das könne auch kein Gott von uns verlangen. Er war gehorsam bis zum Tode am Kreuz. Unbedingten Gehorsam sehen wir an diesem Ebenbild des Vaters. Das andere, was mir auffällt, ist eine große Vollmacht, die er als der eingeborene Sohn vom Vater empfangen hat. Wir kennen ja alle die Wunder und Zeichen, die er tat. Nur einen Satz will ich dazu sagen. Er sagt de einmal im fünften Kapitel des Evangelisten Johannes: „Der Sohn macht lebendig, welche er will.“ Es hängt von ihm ab, ob jemand zum ewigen Leben eingeht oder nicht. Seht, liebe Freunde, das sit sehr große Vollmacht. Da aber wird mir auch klar, wem Gott allein solche Vollmacht anvertrauen kann. Denn wehe, wenn diese Vollmacht in verkehrte Hände käme, die sie mißbrauchten! Nur der gehorsame Sohn, der in der Gemeinschaft des Vaters geblieben ist, nur dem kann solche übergroße Vollmacht überhaupt anvertraut werden.

    Wenn es nun heißt, wir sollen wieder von Gott als1 Söhne1n angenommen und neu geschaffen werden zu einem neuen Wesen, dann dürfen wir wohl erwarten, daß diese beiden bemerkenswerten Züge sich auch an uns und unserem erneuerten Wesen zeigen. Also wiederum zunächst einmal ein neuer Gehorsam. Daß wir doch alle die Eigenmächtigkeiten aufgeben, all diese Rechthabereien, mit denen wir sagen, bitte, wir haben genug getan, mehr kann von uns nicht verlangt werden. Das ist doch kein Zustand zwischen Vater und Sohn. Da ist doch der Riß schon geschehen. Da ist doch die Entfremdung schon eingetreten. Der neue Gehorsam muß diesen Riß wieder heil und ganz machen. Wie hat das der Herr Jesus Christus von sich einmal gesagt: „Meine Speise ist, daß ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.“ Daß es uns wirklich um das Werk Gottes geht und nicht um unser Werk, das wir gerade Planen, das wir gerade im Sinn haben und ausführen wollen, das ist dieser neue Gehorsam.

    Aber, liebe Freunde, nichts einseitiges, nicht nur neuer Gehorsam, auch eine neue Vollmacht! Solche neue Vollmacht haben wir ja freilich nicht verdient. Es wäre uns ja genug, wenn es so zuging, wie es der verlorene Sohn wünschte: ich bin nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße, mach mich zu einem deiner Tagelöhner. Aber das geht nun Gott an die Ehre, zweierlei Söhne zu haben. Um seinetwillen kann er das nicht zulassen. So weit kann er sich nicht erniedrigen. Gewiß haben wir’s nicht verdient, aber Gott tut’s um seiner Ehre willen, daß er zwischen seinen Söhnen keinen Unterschied macht, auch zwischen dem eingeborenen Sohn und uns nicht. Wenn schon Söhne, dann auch Söhne mit allen Rechten und mit allen Vollmachten! Da muß man einmal lesen, welche Vollmachten nun diesen Söhnen Gottes gegeben sind. Paulus spricht im ersten Brief an die Korinther (12,8ff) von den Geben der Weisheit, der Erkenntnis, des Glaubens, der Krankenheilung, des Wundertun’s, des Zungenredens. Er macht keine Zukunftsmusik, sondern redet von dem, was sich zur Zeit in der Gemeinde von Korinth ereignet. Er hat nur die eine Sorge, daß die Überfülle der Gaben bedrückend wird und Unordnung schafft.Wir fragen, liebe Freunde, wo sind denn all diese Vollmachten heute geblieben? Vielleicht haben wir sie uns nur nicht zugetraut, diesen Griff in Gottes Allmacht, den er seinen Söhnen erlaubt und verstattet hat. Und täten wir diesen Griff, dann wäre auch jede Diskussion darüber erledigt, ob Gott unser Vater ist. Denn schließlich kann man nicht von Beweisen und überredenden Worten leben, oder von Lehrsätzen der Kirche, oder von einem Satz des Glaubensbekenntnisses, oder daß man von Kindesbeinen an betet: unser Vater, der du bist im Himmel, sondern man muß es erfahren, daß er wirklich unser Vater sein will. Sehr, der diese Zeichen erfahren hat, dem ist hinfort kein Zweifel, daß er wieder Gottes geliebter Sohn ist und daß Gott sein rechter Vater sei. Darum meine ich, zu dem Bilde, zu dem wiederhergestellten Bilde des rechten Sohnes, gehören nicht nur der neue Gehorsam, sondern auch diese neue Vollmacht, die Gott denen zugelegt hat, die an den Namen seines Sohnes glauben.

    Amen