Das Wort...

F. Langensiepen                                                                                                        Rheinbach bei Bonn,

Pfarrer                                                                                                                            im November 1951

                                                                                                                                         Aachener Straße 21

 

 

Liebe Freunde,

schon lange war es meine Absicht, unsere Verbindung unter einander zu befestigen. Ich möchte Sie gerne Anteil nehmen lassen an dem Dienst, den ich im Auftrage unseres HErrn hier am Zuchthaus tue, unter der sonderbaren Männergemeinde, die sich auch an diesem Orte um das Wort Gottes sammelt. Aber gut Ding will Weile haben. Vor kurzem hat die Konferenz der Evgl. Gefängnispfarrer Rheinland-Westfalens beschlossen, um jede größere Haftanstalt eine Gefängnisgemeinde zu sammeln, einen Kreis, der unsere Arbeit innerlich mitträgt, im Gebet ihrer gedenkt und auch eine offene Hand für die besonderen Aufgaben unseres Amtes hat. Darum habe ich auch meinen Rundbrief solange zurückgestellt, bis der Plan zur Sammlung dieser Gefängnisgemeinde greifbare Gestalt angenommen hat.

Dieser Rundbrief ist also gleichzeitig eine Werbe- und Bittschrift. Er geht deshalb auch weit über den Kreis derer hinaus, die mir persönlich bekannt und verbunden sind. In welchem Geiste und zu welchem Dienste ich Ihre brüderliche Hilfe suche, soll Ihnen ein Vortrag sagen, den ich im Sommer auf einer Freizeit für evangelische Wachtmeister hielt. Es ist beabsichtigt, diesen Rundbrief in einer regelmäßigen Folge für die Mitglieder der Gefängnisgemeinde erscheinen zu lassen. Wie häufig er erscheinen kann, hängt wesentlich von der Zahl unserer Mitglieder ab.

Unsere Gefängnisgemeinde wird sich in Kürze in das Vereinsregister eintragen lassen. Wer ihr beitreten will, sende einen Beitrag auf das Konto Nr. 7 Gefangenenhilfe“ bei der Kreissparkasse Bonn, Zweigstelle Rheinbach (deren Postscheckkonto: Köln 17559).

„Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände bei uns, ja, das Werk unserer Hände wolle er fördern.“

Es grüßt Sie alle von Herzen

Ihr

F. Langensiepen, Pfarrer.

 

 

Die Gemeinde der Heiligen im Zuchthaus

In dem Von mir gewählten Thema steht in etwas betonter Weise das Wort »Zuchthaus». Selbstverständlich soll das, was ich hier sage, auch für jede andere Strafanstalt gelten. Wenn ich gerade das Wort .Zuchthaus wählte, so tat ich es nicht deswegen, weil der Gegensatz zwischen Heiligen und Zuchthäuslern sensationell sein könnte, und auch nicht deswegen, weil ich aus dem Bereich meiner persönlichen Erfahrung zu berichten die Absicht hätte. Ich habe vielmehr das Wort “Zuchthaus” gewählt, weil die längere Verweildauer in einem solchen Hause die Frage nach der echten Gemeindebildung dringlicher stellt und auch ihre Beantwortung leichter ermöglicht, als etwa in einem Gefängnis, wo Untersuchungsgefangene und mit kurzer Haft Bestrafte ein wanderndes Publikum bilden. Ich bitte Sie deshalb, in diesem Sinne das Wort zu verstehen und das, was ich sagen möchte, auch auf andere Arten der Strafhaft zu übertragen.

 

Auch im Zuchthaus versammelt sich beim Gottesdienst
die Gemeinde der Heiligen.

Wir bekennen an jedem Sonntag im Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an eine heilige, allgemeine, christliche, Kirche, die Gemeinde der Heiligen.“ Dies will sagen: Ich persönlich glaube als ein Glied der gesamten Christenheit, daß auch hier in einem Zuchthaus, wie allenthalben, die christliche Kirche im Gottesdienst offenbar wird und sich darstellt, und zwar ist diese Lehre näher umschrieben durch den Zusatz „die Gemeinde der Heiligen“. Diese Gemeinde der Heiligen ist insoweit vorhanden, als sie sich um Wort und Sakrament sammelt. Es genügt nicht, daß man etwa durch Taufe, Konfirmation oder Steuerzettel einen Rechtstitel vorweisen kann, aus dem hervorgeht, daß man die kirchliche Mitgliedschaft erworben hat, sondern die Gemeinde darf von jedem ihrer Glieder erwarten, daß es sich zu ihr hält, und eben dies bekundet das Gemeindeglied, indem es sich mit der ganzen Gemeinde unter Wort und Sakrament versammelt. Es kann tatsächlich von Gemeinde nur soweit geredet werden, wie sie zusammenkommt und um ihre Zusammengehörigkeit weiß. Dies hat neuerdings Otto Weber in einer grundlegenden Schrift „Versammelte Gemeinde“ überzeugend dargestellt. Es wird Sie vielleicht befremden, daß ich von der Gemeinde der Heiligen rede und nicht von der Gemeinschaft der Heiligen, wie wir diesen Ausdruck im Glaubensbekenntnis zu sprechen gewohnt sind. Dies hat darin seinen Grund, daß Luther es ausdrücklich abgelehnt hat, von einer Gemeinschaft zu reden. Er meint, dies sei ein undeutsches Wort und treffe auch die Sache, um die es hier gehe, nicht genau. Auch in unserer bisher gültigen Agende von 1895 finden Sie im Wortlaute des Glaubensbekenntnisses „Gemeinde der Heiligen“ und nur in einer Fußnote ist es erlaubt, statt dessen, wo es üblich ist‚ „Gemeinschaft der Heiligen“ zu sagen. Wie nun Luther dies Wort von der Gemeinde verstanden wissen will, das sagt er selbst im „Sermon von dem hochwürdigen Sakrament des heiligen, wahren Leichnams Christi“ (1519): “Diese Gemeinschaft stehet darin, daß alle geistlichen Güter Christi und seiner Heiligen mitgeteilt und gemein werden dem, der dies Sakrament empfängt, wiederum alle Leiden und Sünden auch gemein werden und also Liebe gegen Liebe entzündet wird und vereinigt”. Und daß wir bei dem groben, sinnfälligen Gleichnis bleiben: Wie in einer Stadt einem jeglichen Bürger gemein wird derselben Stadt Name, Ehre, Freiheit, Handel, Brauch, Sitte, Hilfe, Beistand, Schutz und dergleichen, wiederum alle Gefahr, Feuer, Wasser, Feind, Sterben, Schaden, Verlassen und dergleichen. Denn wer mit genießen will, der muß auch mit gelten und Liebe mit Liebe vergleichen. Hier sieht man, daß, wer einem Bürger Leides tue, der tut der ganzen Stadt und allen Bürgern Leid an. Wer ihm wohl tut, verdient von allen anderen Gunst und Dank. Also auch in einem leiblichen Körper, wie St. Paulus sagt 1. Korinther 12, da er dies Sakrament geistlich erklärt: Die Gliedmaßen sind für einander sorgfältig: wo eins leidet da leiden die anderen alle mit; wo es einem wohl geht, da freuen sich mit ihm die anderen. So sehen wir: tut jemandem der Fuß weh, ja das kleinste Zehlein, so sieht das Auge danach, greifen die Finger, verkrampft sich das Angesicht, und der ganze Körper biegt sich dahin, und alle haben zu tun mit dem kleinen Gliedmaßlein. Wiederum: Wartet man seiner wohl, so tut es allen Gliedmaßen wohl. Diese Gleichnisse muß man wohl merken, so man dies Sakrament verstehen will“ Soweit Luther. — Wenn im lateinischen Text des Glaubensbekenntnisses die Gemeinde der Heiligen mit communio übersetzt wird, so weist Luther auch hier darauf hin, daß communio mit dem Wort Befestigung, mit munire zusammenhängt und auch hier an die gesamte Bürgerschaft einer befestigten Stadt gedacht ist. Wir dürfen und müssen glauben, daß auch bei dem Gottesdienst im Zuchthaus, ebenso wie allenthalben in der Christenheit, die Gemeinde der Heiligen sich versammelt und sich ihrem Herren darstellt. Glaubten wir dies nicht, so dürfte uns jede Berechtigung entschwinden, in einem solchen Hause überhaupt einen Gottesdienst zu halten. Ich mache auch hier auf den Sprachgebrauch des Apostels Paulus aufmerksam. Er schreibt den 1. Korintherbrief an die Gemeinde Gottes, die sich zu Korinth befindet, die Geheiligten in Christus Jesus. Der Brief an die Römer ist gerichtet an „alle (Christen) in Rom, die Geliebten Gottes, die berufenen Heiligen“. So oder ähnlich ist es in allen seinen Briefanfängen zu lesen. Selbst wenn eine Gemeinde so schwere sittliche Gebrechen aufweist, wie die in Korinth, oder in Gefahr ist, einer Irrlehre zu verfallen, wie die in Galatien, ist dies für den Apostel kein Hinderungsgrund, sie als eine Gemeinde der Heiligen anzureden. Schließlich ist ja auch die Gemeinde der Heiligen im Zuchthaus nicht fragwürdiger als die draußen in der Freiheit. Das Maß der Straffälligkeit vor dem bürgerlichen Gesetz stimmt auch nicht im entferntesten mit dem Urteil Gottes über unsere verborgenen oder offenbaren Sünden überein, und ich wage sogar zu behaupten, daß die Gemeinden draußen in einer noch größeren Gefahr der Selbstgerechtigkeit sich befinden als die Gemeinde in unseren Häusern. Wenn unser HErr Jesus Christus sagt: „Die Zöllner und Huren mögen wohl eher ins Himmelreich kommen als ihr“ so spiegelt sich in diesem Satz doch eine Erfahrung, die er bei seiner eigenen Wirksamkeit gemacht hat. Wir dürfen sogar sagen, daß gerade in einem Zuchthaus, manche Möglichkeiten der Gemeindebildung gegeben sind, die draußen weithin fehlen, und manche Fragwürdigkeit wegfällt, die wir draußen in Kauf zu nehmen gewohnt sind. Zunächst einmal haben wir es in unseren Häusern mit einer Gemeinde zu tun, die durch die Enge ihres Zusammenseins es leichter hat, daß ihre Glieder einander kennen. Wer aus unseren Gottesdiensten wegbleibt, wird vermißt; wer durch seinen Wandel dem Namen unseres HErren Schande macht, wessen Alltagsleben mit seinem Sonntagskirchgang sich nicht reimen will, wird bemerkt. In einem Zuchthause fallen auch eine Reihe von Schwierigkeiten weg, die das Gemeindeleben, vor allem in unseren großstädtischen Gemeinden, stark belasten. Wir haben in unseren Häusern nichts zu tun mit der Frage der Kindertaufe, der Konfirmation, der kirchlichen Trauung und all den Gelegenheiten, bei denen so häufig am Altar des Herren gelobt wird, was man gar nicht zu halten gedenkt. Darum ist die Lage der Gemeinde unseres HErren in einem Zuchthaus nicht fragwürdiger als die Lage in irgendeiner Ortsgemeinde.

Sollte aber jemand Zweifel daran hegen, daß auch in unseren Häusern die Gemeinde der Heiligen wirklich vorhanden ist, so müßte dieser überhaupt die Möglichkeit bestreiten, daß bei uns Gottesdienst gehalten werden dürfte. Es wäre dann nur eine Art missionarischer Verkündigung ohne Gebet und Gesang, erst recht ohne Feier des heiligen Sakramentes möglich. Und selbst dann müßten wir doch glauben, daß unter der missionarischen Verkündigung des Wortes Menschen zum Glauben kommen und alsbald eine Gemeinde Christi zu bilden verpflichtet wären, sofern wir überhaupt der Predigt des Wortes noch eine Kraft und Verheißung in unserer besonderen Lage unter Straffälligen zutrauen.

 

Die Verkündigung des Wortes geschieht öffentlich,
die Zulassung zum Sakrament ist an Voraussetzungen geknüpft.

Im 1. Abschnitt habe ich schon gesagt, daß sich die Gemeinde Jesu Christi bei Wort und Sakrament versammelt. Die Teilnahme am Gottesdienst ist so das sichtbare Zeichen, daß ein Mensch sich zur Gemeinde hält. Damit tut er nichts weiter, als daß er seine Taufe ernst nimmt und das bei der Konfirmation abgelegte Gelübde in die Tat umsetzt; denn bei unserer Konfirmation haben wir nach dem Formular unserer Agende gelobt „uns mit fleißigem Gebet zu Gottes Wort und Tisch treulich zu halten“.

Nun ist es in der Christenheit noch immer so gehandhabt worden, daß die Verkündigung des Wortes eine öffentliche und jedermann zugängliche Angelegenheit ist. Selbst wenn die Predigt keinen rein missionarischen Zweck verfolgt, sondern nur die geistliche Erbauung der Gemeinde im Auge hat, d.h. nur für die Gemeinde selbst bestimmt ist, dann ist es dennoch dem der Gemeinde Fernstehenden unverwehrt, hier zuzuhören. Es ist allerdings eine Frage, ob wir unsere Verkündigung nicht aufteilen müssen in zwei deutlich von einander abgesetzte Formen. Diese wären 1.) die missionarische Verkündigung an Fernstehende, 2.) die Unterweisung derer, die mit uns denselben teuren Glauben bekennen. Auch unser HErr Jesus Christus hat oft das Volk gelehrt, aber die Bergpredigt Matt. 5-7 oder die Aussendungsrede Matt. 10 und die Abschiedsreden Joh. 14-15 sind nur zu den Jüngern gesprochen. Bei den Missionsreisen des Apostels Paulus beobachten wir zwar häufig, daß er sich gleicherweise an Christen, Juden, Heiden wendet. Immerhin hat er auch Gelegenheiten gekannt, bei denen er nur zu der gläubigen Gemeinde sprach, z.B. Apostelgeschichte 20‚7: „Am ersten Tage der Woche aber, da die Jünger zusammen kamen, das Brot zu brechen, predigte ihnen Paulus und zog die Rede hin bis zur Mitternacht.“ Hier waren nur die zum Tische des Herrn Zugelassenen versammelt.

Die Feier des hl. Abendmahls ist nämlich im Gegensatz zur öffentlichen Predigt eine geschlossene Versammlung der Gemeinde, zu der kein Fremdling Zutritt haben soll. In der alten Kirche zerfiel der Gottesdienst in die beiden Teile der missa catechumorum und der missa fidelium. Der erste Teil war für alle zugänglich, die Christen waren oder Christen werden wollten oder gar nur aus einem oberflächlichen Interesse kamen. Sobald aber die Feier des hl. Abendmahles begann, wurden die Katechumenen entlassen. Es wurden sogar Türhüter aufgestellt, die darauf achten sollten, daß kein Fremdling an dieser Feier teilnahm. Dies entspricht auch der Meinung des Apostels Paulus, für den die Teilnahme am hl. Abendmahl eine Eingliederung und geheimnisvolle Verbindung mit dem Leibe Christi bedeutet. Nach seiner Lehre ist der Leib Christi auf dieser Erde in gewandelter Form immer noch gegenwärtig und zwar in der Gestalt seiner Gemeinde. 1. Korinther 10,16 f: „Der gesegnete Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi; das Brot das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist‘s, so sind wir viele ein Leib, dieweil wir alle eines Brotes teilhaftig sind.“ In diesen Worten ist die ausschließliche und verbindliche Einheit der Gemeinde als des Leibes Christi deutlich bekannt.

 

Zur Gemeinde der Heiligen gehören alle,
 die an den Herrn Jesus Christus glauben.

Wenn im vorigen Abschnitt davon die Rede war, daß nicht jeder Beliebige am hl. Abendmahl teilnehmen darf, so müssen wir jetzt fragen, wo die Grenze der Zugehörigkeit zur Gemeinde liegt. Diese ist mit dem obigen Satz umschrieben. Alle, die an den HErrn Jesus Christus glauben, gehören zu ihr. Wir können aber diesen Glauben nur feststellen am Bekenntnis des einzelnen Gemeindegliedes. Wie tief dieser Glaube wurzelt, wie reich er Früchte trägt, wie oberflächlich er noch ist, wie wenig geistliche Erfahrung ihm noch entspricht, das alles ist unserem Urteil entzogen, denn wir sind es nicht, die die Herzen erforschen können. Ins Herz zu schauen ist nur unserem HErrn gegeben. Wir sind darauf angewiesen, das gesprochene Wort und Bekenntnis jedes einzelnen Gliedes so lange ernst zu nehmen, wie er es nicht selbst Lügen straft. Es gehört also zur Gemeinde der Heiligen auch der Schwache Im Glauben. Ausdrücklich ermahnt der Apostel Paulus die Gemeinde in Rom, sich Ihrer schwachen Glieder anzunehmen und sie nicht zu verwirren. Römer 14,1: „Die Schwachen im Glauben nehmet auf und verwirret die Gewissen nicht“ und 15,1: „Wir aber, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechen tragen und nicht Gefallen an uns selber haben.“ Also nicht die Kräftigkeit des Glaubens, sondern das Bekenntnis zum Herrn entscheidet über die Zugehörigkeit zur Gemeinde. Ja, selbst derjenige, der in diesem Bekenntnis heucheln würde, hat noch seinen Platz in der Gemeinde. Sicher ist für uns alle der Heuchler im Gottesdienst ein schwerer Anstoß, und gerade in unseren Häusern wird diesem Anstoß oft laut und lebhaft Ausdruck gegeben. Ja, mancher steigert sich zu der Behauptung, daß er lieber aus dem Gottesdienst weg bliebe, als diese Heuchelei mitzumachen und selbst in den Verdacht des Heuchlers zu kommen. Es steht aber dieser Haltung das Gleichnis unseres HErrn vom Unkraut unter dem Weizen schnurstracks entgegen: „Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte.“ Wir haben als Jünger unseres Herrn weder das Vermögen noch die Berechtigung, unter denen, die sich mit ihrem Munde bekennen, zwischen Aufrichtigen und Heuchlern zu sortieren.

Etwas anderes aber ist es um den Verächter, der sich in einer eingebildeten Selbstgerechtigkeit von Wort und Sakrament fern hält. Er heuchelt ja nicht, sondern läßt ja seinen Ärger an der fragwürdigen Gestalt der Gemeinde offen kund werden. Es klingt dann manchmal so, als wären im Gottesdienste nur noch Heuchler, und die Aufrichtigen täten besser daran, die Versammlung der Heiligen zu meiden. Im Briefe an die Hebräer ist die Mahnung ausgesprochen 10,24 f: „Lasset uns untereinander unser selbst wahrnehmen mit Reizen zur Liebe und guten Werken und nicht verlassen unsere Versammlung, wie etliche pflegen, sondern einander ermahnen.“ Wer sich an der verachteten Gestalt der Gemeinde derart stößt, daß er es ablehnt, zu ihren Gottesdiensten zu kommen, dem soll und muß eines Tages die Gemeinde das Recht absprechen, überhaupt kommen zu dürfen.

Es bedarf wohl keiner langen Erklärung, daß zur Gemeinde der Heiligen auch der Straffällige gehört; denn wie gesagt, uns steht über ihn das Urteil Gottes nicht zu. Und wenn die bürgerliche Gemeinde sich in der Notwendigkeit befindet, einige ihrer Glieder auf längere Zeit von sich absondern zu müssen, weil sie ihrer Gemeinschaft schädlich geworden sind, so ist dies noch längst kein Grund für die christliche Gemeinde, dasselbe zu tun und den armen Sünder aus ihrer Mitte zu verbannen, denn wir würden ihn mit einem solchen Urteilspruch gleichzeitig vom Leibe Christi scheiden, und es dürfte wohl jedem, der ein solches Urteil über einen seiner Brüder fällt, angst und bange werden, wenn er mit dem gleichen Maße gemessen werden sollte.

Trotzdem müssen wir der Frage nach dem würdigen Genuß des hl. Abendmahles noch etwas weiter nachgehen, weil gerade hier so viel Unklarheit und Verwirrung bei unseren Gemeindegliedern herrscht. Wenn ich warten wollte, bis ich als würdiges Glied der Gemeinde zum Tisch des Herrn gehen könnte, dann könnte ich warten bis an mein unseliges Ende, und es gibt ja tatsächlich eine ganze Reihe von Christen, die aus lauter Angst, unwürdig das Sakrament zu genießen, überhaupt nicht zum Sakrament kommen. Dies erinnert an die merkwürdige Sitte zur Zeit des Kaisers Constantin, daß man sich erst auf dem Sterbebett taufen ließ, um dann nur ja in dieser unversehrten und unverletzten Taufgnade vor unserem Herrn erscheinen zu können. Wie dieses eine Verkennung unserer Würdigkeit zur hl. Taufe ist, so ist jenes eine Verkennung unserer Würdigkeit zum hl. Abendmahl. Es gibt beim hl. Abendmahl keine Unwürdigkeit wegen der Menge unserer Sünden, sondern nur ein unwürdiges Verhalten. Dieses unwürdige Verhalten kann sich nach zwei Richtungen hin äußern, in Unglauben und Unbußfertigkeit. Für beides finden wir je ein Beispiel im 1. Korintherbrief. Unbußfertigkeit spricht aus dem Verhalten des Mannes, der seine Stiefmutter geheiratet hat (Kap. 5), Unglaube aus dem Verhalten der Gemeinde am Tische des HErrn. Immer wieder wird in diesem Zusammenhange das Wort aus Kapitel 11 angeführt: „Wer aber unwürdig isset und trinket, der isset und trinket sich selber zum Gericht damit, daß er nicht unterscheidet den Leib des Herrn.“ Wer den ganzen Zusammenhang des 11. Kap. sorgfältig durchliest, der wird merken, daß die Gemeinde in Korinth allerdings in einer sehr unangemessenen Haltung ihr hl. Abendmahl feierte, der wird auch merken, daß gerade das oben angeführte Wort die Unwürdigkeit darin sieht, wenn jemand die im hl. Abendmahl dargereichte Speise nicht von einer anderen gewöhnlichen Mahlzeit unterscheidet, „daß er nicht unterscheidet den Leib des HErrn.“ Auch hier kommt es also auf den Glauben und nicht auf eine persönliche Würdigkeit oder Vorzüglichkeit an.

Weil aber gerade dieses Wort des Apostels Paulus vielen ein allzu ängstliches Gewissen gemacht hat, am hl. Abendmahl überhaupt teilzunehmen, möchte ich hier auf eine oft gehörte aber nicht sachgemäße Auslegung hinweisen. Es steht in Vers 29: „Welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket sich selbst zum Gericht.“ Das Wort Gericht hat manche so stark erschreckt, daß sie sich vor jedem hl. Abendmahl scheuen, um nur ja nicht dem angedrohten Gericht zu verfallen. So ist dieses Wort nicht gemeint. Das geht deutlich hervor aus dem 32. Vers: „Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir von dem HErrn gezüchtigt, auf daß wir nicht samt der Welt verdammt werden.“ Das Wort Gericht hat es deshalb in diesem Zusammenhange nicht mit dem letzten Gericht zu tun, sondern mit einer zeitlichen Strafe, die der HErr denen auferlegt, die das Gedächtnis seines Leibes und Blutes in unwürdiger Weise begehen. Sie werden gerade deshalb gerichtet, damit sie nicht, wie die Welt, der Verdammnis Gottes am jüngsten Gerichte verfallen sollen. Gerade an dieser Stelle wird es deutlich, daß die hl. Schrift unterscheidet zwischen Strafe und Verdammnis. Das Kind, das ich aus dem Elternhaus hinausweise, das strafe ich nicht mehr. Wer sein Kind straft, hat sich noch nicht von ihm losgesagt. Diese Schriftstelle sagt also, daß uns der HErr unsere Leichtfertigkeiten und Oberflächlichkeiten, besonders beim hl. Abendmahl, nicht ungestraft hingehen läßt, damit wir seinem Verdammungsurteil am jüngsten Tage entgehen. Wir können niemals erwarten, bei der Feier des hl. Abendmahls dem Herrn eine reine und vollkommene Gemeinde darstellen zu können. Hier gilt wiederum das Wort von dem Unkraut unter dem Weizen. Wir wollen auch nicht vergessen, daß selbst bei der Einsetzung des hl. Abendmahls der Verräter unseres HErrn teilgenommen hat: „Siehe, die Hand meines Verräters ist mit mir über Tische“ (Lukas 22,21). In unseren augenblicklichen kirchlichen Verhältnissen haben wir es vor allen Dingen mit einer besonderen Form der Unwürdigkeit beim hl. Abendmahl zu tun. Diese unwürdigen Gäste am Tische des Herrn nennt man mit einem leicht spöttischen Unterton in kirchlichen Kreisen „die Einjährigen.“ Damit bezeichnet man solche Gemeindeglieder, die zwar einmal im Jahr, meistens zu Ostern, das hl. Abendmahl feiern, aber sonst nie im Gottesdienste zu sehen sind. Wer nicht mit der Gemeinde zum Hören des Wortes Gottes zusammen kommt, der hat auch keinen Platz in dieser Gemeinde, wenn sie das Sakrament des Altars feiert. Hier ist es nicht nur erlaubt, sondern geboten, eine Zucht zu üben, von der wir noch näheres im folgenden Abschnitt besprechen werden, um derart seltene Gäste zum Tische des Herrn nicht zuzulassen.

 

Eine rechte Gemeinde übt untereinander Zucht.

Der Gedanke an die Zucht in der Gemeinde ist vielen fremd und neu, weil die sogenannte Kirchenzucht fast allenthalben in Abgang gekommen ist, und weil sie oft sich nicht frei davon gehalten hat, mit der Polizei im Staate verwechselt zu werden. Es sollte aber eigentlich selbstverständlich sein, daß keine Gemeinschaft, sie sei staatlicher, kirchlicher oder privater Natur, ohne irgend eine Art von Zucht auskommt. Selbst jeder Kegelclub und jeder Turnverein kennt ein Maß des Untragbaren, an dem die Mitgliedschaft aufhört, und wer dieses Maß überschreitet, muß ermahnt werden, seine Überschreitung rückgängig zu machen, oder es muß ihm die Mitgliedschaft abgesprochen werden. Es kann nicht die Aufgabe des Vortrages sein, das unbekannte Lehrstück von der Gemeindezucht in seiner ganzen Breite ausführen zu wollen. Trotzdem ist es geboten, auf die große Zahl von Schriftstellen hinzuweisen, die von dem Zuchthalten in der Gemeinde reden. Die Gemeinde wird nicht nur ermahnt, sondern es wird ihr im Namen unseres HErrn Jesu Christi geboten, sich von jedem Bruder zurückzuziehen, der da unordentlich wandelt (2. Thess.3,6). Das soll deshalb geschehen, damit dieser anstößige Bruder schamrot werde (3,14). Titus wird angewiesen, einen ketzerischen Menschen zu meiden, wenn die wiederholte Ermahnung bei ihm fruchtlos geblieben Ist. Es kann nicht geduldet werden, daß ein Mensch, der etwas anderes glaubt, als die Gemeinde Jesu Christi bekennt, die Rechte eines Mitgliedes dieser Gemeinde behält (Titus 3, 10-11). Noch schöner drückt sich der Apostel Johannes in seinem 2. Briefe aus. Er verbietet seinen Gemeindegliedern, jemanden aufzunehmen, der nicht das Bekenntnis der Gemeinde teilt, ja er verbietet sogar, einen solchen Menschen zu grüßen: „denn wer ihn grüßt, der macht sich teilhaftig seiner bösen Werke“ (2. Joh. 1011), und der Brief des Judas fügt dem noch hinzu: „Hasset auch den Rock, der vom Fleische beflecket ist“ (23). Dazu ist zu hören, was Paulus dem Timotheus schreibt (1 Tim. 5, 20): „Die da sündigen, die strafe vor allen, auf daß sich auch die anderen fürchten.“ Die Gemeindezucht ist also nicht eine Angelegenheit, die sich zwischen einem anständigen Gemeindeglied und dem Pfarrer im stillen Kämmerlein etwa bei der Beichte ereignet, sondern die vor der Öffentlichkeit der Gemeinde geschehen soll. Besonders einleuchtend ist das, was der Apostel Paulus im 1. Brief an die Korinther im 5. Kap. schreibt. Es hat da ein Mensch durch seinen unsauberen Wandel der Gemeinde schweren Anstoß gegeben, und der Apostel tadelt die Gemeinde, daß sie nicht schon längst mit ihrem anstößigen Gliede so verfahren ist, wie es sich in diesem Falle gehörte. „Euer Ruhm ist nicht fein“ (Vers 6). „Tut von Euch selbst hinaus, der da böse ist“ (Vers 13). Lehrreich ist der 10. Vers, in dem Paulus sagt: „Das meine ich gar nicht von den Hurern in dieser Welt oder von den Geizigen oder von den Räubern oder von den Abgöttischen, sonst müßtet Ihr die Welt räumen. Nun aber habe ich Euch geschrieben, daß Ihr nichts mit ihnen zu schaffen haben sollt, so jemand sich läßt einen Bruder nennen und ist ein Hurer oder ein Geiziger oder ein Abgöttischer oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber, mit dem sollt Ihr auch nichts essen.“ Es ist uns also nicht verboten, die menschlichen Beziehungen zwischen uns und allen Kindern der Welt zu pflegen, mag ihr Wandel sein wie er will. Sobald aber jemand zu unseren Brüdern zählt und ein Glied am Leibe Christi ist, schafft die grobe Sünde und Unbußfertigkeit, mit der sie fortgesetzt wird, eine Schranke, die selbst das Gastrecht aufhebt. Alles aber, was zu dem Kapitel der Gemeindezucht zu sagen ist, leitet sich her aus dem Worte unseres HErrn Matth. 18. Gerade nachdem unser HErr davon gesprochen hat, daß ein guter Hirte einem einzigen verirrten Schafe nachgeht und 99, die bei der Herde geblieben sind, sich selbst überläßt gerade nach diesem Worte, das uns die Pflicht auferlegt, den Verirrten aufzusuchen und nicht aufzugeben, steht das andere Wort, daß die Gemeinde den von sich ausschließen soll, der ihrer Ermahnung nicht folgt. Dazu ist die Verheißung gesetzt, daß unsere Vergebung, die hier auf Erden geschieht, auch im Himmel gelten soll, und ebenfalls unser Behalten der Schuld auch im Gericht des Himmels nicht aufgehoben wird. Dasselbe sagt der HErr nach seiner Auferstehung den Elfen: „Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“ Luther macht bei dieser Stelle auf die große und beinahe befremdliche Ausdrucksweise dieser Verheißung aufmerksam, daß unser Herr mit seinem Urteil über einen Menschen sich an das Urteil der Gemeinde für gebunden erklärt.

Die Gemeindezucht wird nach alter kirchlicher Sitte vor allem bei der Feier des hl. Abendmahls geübt und tritt somit als Abendmahlszucht in Erscheinung. Es ist ein schwerer Schade, wenn eine Gemeinde, wie es heute weithin der Fall ist, diese Abendmahlszucht nicht mehr kennt; denn wenn es kein Behalten der Sünde gibt, dann ist es auch nicht glaubhaft, daß es ein Erlassen der Sünde gibt. Es fehlt der Beichte, sie geschehe nun öffentlich oder privat die letzte Glaubwürdigkeit, wenn nicht auch unter gegebenen Umständen die Absolution in der Beichte versagt wird. Die Abendmahlszucht in unserer Anstaltsgemeinde erfordert noch ein besonderes Wort; denn gerade an dieser Stelle muß es deutlich werden, daß sie nichts mit irgend einer Art von Polizei zu tun hat. Alle unsere Gäste beim hl. Abendmahl haben eine verfehlte Vergangenheit. Ich will jetzt nicht davon reden, daß auch wir unserem Herrn keine unbefleckte Vergangenheit aufzuweisen haben. Aber unsere Vergangenheit spielt hier keine Rolle; denn wie schon einmal gesagt, wir sind nicht der verlängerte Arm der Justiz. Aber darum handelt es sich, ob der Name unseres HErrn Jesu Christi in unseren Häusern geehrt oder verunehrt wird. Nach der Haltung dessen, der das hl. Abendmahl empfängt, beurteilt der Außenstehende die ganze Gemeinde und ihren Herrn. Wenn ich hier von Haltung spreche, so meine ich nicht die fromme Gebärde während des Gottesdienstes, sondern meine die Gesamthaltung, die ein Glied am Leibe Christi, ein mit dem HErrn Versöhnter in seinem Leben kund werden oder vermissen läßt. Es geht nicht an, daß die ungläubige Welt über die Gemeinde und ihren HErrn spotten darf, indem sie auf das unwürdige und anstößige Verhalten seiner Gemeinde hinweist. Es ist ein Vorwurf, den wir als Pfarrer oft hören, und den wir wohl kaum zu entkräften imstande sind, wenn uns gesagt wird: „Sie sollten einmal wissen, was dieselben Leute, die so andächtig am Altar stehen, nachher tun, wenn sie dem Altar den Rücken gewandt haben.“

Wer soll eine solche Gemeindezucht ausüben? Auf keinen Fall der Pfarrer. Zunächst ist der Pfarrer in unseren Häusern ein Beamter und hat Beamtenbefugnisse. Es würde den tiefen Sinn der Gemeindezucht entscheidend verderben, wenn sie kraft unserer Beamtengewalt ausgeübt würde. Der Pfarrer kann im seelsorgerlichen Gespräch mahnen und warnen. Das entscheidende Wort aber hat die Gemeinde selbst zu sprechen. Dies ist nach allen einschlägigen Schriftworten absolut deutlich. In unserem Falle also würde es heißen, daß in unseren Häusern eine Abendmahlsgemeinde sich sammeln muß, die selbst darüber zu bestimmen hat, wer zum Tisch des Herrn zugelassen ist und wem diese Gemeinschaft zu versagen ist. Ich glaube, es würde ein tiefer Segen davon ausgehen, wenn wir gerade unsere Schutzbefohlenen in den Gefängnissen und Zuchthäusern in eine solche Verantwortung füreinander rufen könnten. Ich glaube auch, es bedeutet für ihr entehrtes Dasein den Beweis einer neuen Ehre, die ihnen Christus gewährt durch die Vergebung ihrer Schuld, wenn sie in diesen Fragen verantwortlich aneinander handeln dürfen. Ich glaube, daß es für unsere Häuser etwas großes bedeutet, wenn unter der Menge der Straffälligen ein Kreis sich findet, der darauf achtet, daß durch seinen Wandel der Name des Herrn gepriesen wird. Die Handhabung der Gemeindezucht setzt nun eine irgendwie verfaßte Gestalt der Gemeinde voraus. Diese aber ist in einem Zuchthause zur Zeit wenigstens nicht zu erreichen und vielleicht noch nicht einmal ratsam. Um so mehr vermißt man das Fehlen einer Art von Presbyterium. Auch dieses kann kaum ordnungsmäßig, etwa durch Wahl, bestellt werden. Aber es ist wohl möglich, einen kleinen Kreis von stillen Helfern zu sammeln, die das, was innerhalb der christlichen Gemeinde in unseren Häusern geschieht und geschehen muß, auf ihre Mitverantwortung übernehmen. Ich weiß nicht, wie wir ohne ein solches Presbyterium auf die Dauer auskommen können.

Alle Gemeindezucht aber hat zum Ziele die Bekehrung und Wiederaufnahme des Bußfertigen. Mit dem bloß absprechenden Urteil über einen Bruder, der sich verfehlt hat, ist es nicht getan. Die Gemeindezucht ist das letzte und schärfste Mittel, einem solchen Bruder gegenüber den ganzen Anspruch, den Christus an ihn erhebt, in unüberhörbarer Deutlichkeit kund werden zu lassen: „So, wie du jetzt lebst und handelst, geht es nicht weiter“. Ich selber kann aus früherer Erfahrung, die ich allerdings nicht in einer Strafanstalt gemacht habe, berichten über den großen Segen, den eine recht geübte Gemeindezucht auf ihre Glieder ausübt. Mir ist hier vor allen Dingen auch die Äußerung eines großstädtischen Menschen wichtig geworden, der zwar persönlich ein überzeugter Christ war, der aber erst einmal durch etwa 15—20 kleine, ländliche Gemeinden geführt werden mußte, um etwas von der behütenden und bewahrenden Macht zu spüren, die eine rechte Gemeinde für ihre Glieder bedeutet. Diese behütende und bewahrende Macht der Gemeinde kommt nicht zuletzt in einer Handhabung der Zucht zum Ausdruck.

 

Auch der Wachtmeister, auch der Beamte im Zuchthause gehört zu der dort versammelten Gemeinde der Heiligen.

Die Wahrheit dieses Satzes dürfte in der Theorie kaum bestritten werden, aber in seiner praktischen Durchführung wird er auf erheblichen Widerstand stoßen. Aus menschlich sehr begreiflichen Gründen wird es den im Strafvollzug tätigen Beamten und Angestellten gegen ihr inneres Empfinden gehen, daß sie im Gottesdienst nichts anderes sind als die Straffälligen und Verurteilten, deren Akten eine so deutliche Sprache reden. Aus Gründen der Aufsicht sitzen sie ja schon in unseren Gottesdiensten auf besonderen Plätzen und heben sich so sichtbar ‘von der Gemeinde auf den Kirchenbänken’ ab. Es wird ihnen sehr schwer fallen einzusehen, daß dieser besondere Platz im Gottesdienst nur durch die gebotene Aufsicht bedingt ist, und daß ihr Platz eigentlich mitten unter der Gemeinde auf derselben Kirchenbank wäre. Wo es irgend angebracht ist, sollten diese Ordnungen der besonderen Sitze für die Aufsicht in unseren Häusern auch abgeändert werden. Wir, die wir nun einmal von amtswegen bestimmt sind, an der Vollstreckung des Urteils mitzuwirken, sollen zur rechten Zeit bedenken, daß der Unterschied zwischen Gerechten und Ungerechten nur in der menschlich-bürgerlichen Sicht seine Gültigkeit hat und auf gar keinen Fall auch nur annäherungsweise dem Urteil Gottes über uns entspricht. Vor Gottes unbestechlichem Blick sind wir alle arme und dem Tode verfallene Sünder, wir mögen die Plätze in der Kirche verteilen, wie wir wollen, und wir können nur das eine begehren, daß Gott uns zu Gnaden annimmt, ebenso wie der Straffällige glauben darf, daß er um Christi willen zu Gnaden von Gott angenommen wird. Das Wort des Apostels Paulus: „Es ist hier kein Unterschied; sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollten“, (Röm. 3,22) dieses so oft und gern zur Entschuldigung unserer „kleinen“ Sünden gebrauchte Wort muß in irgend einer Form gerade in den Gottesdiensten unserer Häuser seine praktische Bestätigung finden, indem kund wird, daß wirklich hier kein Unterschied zwischen den zu recht Verurteilten und seinen Aufsehern besteht. Auch hier mögen uns einige Schriftworte auf den rechten Weg und zu der rechten Schau verhelfen. Der Apostel schreibt 1. Korinther 1,28: „Das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, und das da nicht ist, daß er zunichte mache, was etwas ist“. Es wäre gefährlich für unser ewiges Heil, wenn wir in den Gottesdiensten unserer Häuser aus uns etwas Besonderes machen wollten. Wir kennen wohl alle das Wort des Apostels an die Galater 3,28: „Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn Ihr seid allzumal einer in Christo Jesu.“ Die rechte Anwendung dieses Wortes für unsere Häuser würde bedeuten: hier ist auch weder Gerechter noch Ungerechter, Straffälliger und bürgerlich untadliger Mensch, sondern wir sind allzumal einer, verhaftet in dieselbe sündige Art und befreit durch dieselbe Gnade dessen, der unsere Strafe am Kreuz auf sich genommen hat. Bei den oben angeführten Worten des Apostels gilt es vor allem zu bedenken, daß der Knecht, von dem der Apostel gesprochen hat, eigentlich der Sklave ist. Wir können es ungefähr ermessen, welche Überwindung es einem frei geborenen Manne gekostet haben mag, sich in dem Gottesdienste neben den Sklaven zu setzen. Dieselbe Überwindung mag heute uns die Erkenntnis kosten, daß uns im Gottesdienst kein anderer Platz gebührt als denen, die wir sonst zu beaufsichtigen und zu kommandieren haben. Aber der Unterschied zwischen den Gliedern am Leibe Christi, die alle Schlüssel in der Tasche haben. und denen, die in die Zelle eingeschlossen werden, zwischen denen, die die Waffe tragen, und denen, die die geladene Waffe zu fürchten haben, ist in keiner Weise aufrecht zu erhalten.

Es ist die Frage, auf welche Art wir es sichtbar machen können, daß dieser Unterschied auch wirklich nicht existiert. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das einmal über die Haltung des Aufsichtsbeamten im Gottesdienste geführt wurde. Es wurde dabei die Meinung vertreten, der Beamte habe nur Aufsicht auszuüben und auf keinen Fall sich am Gottesdienste durch Gesang und Gebet zu beteiligen. Ich will im Augenblick nicht davon reden, daß diese innerlich unbeteiligte Aufsicht zuweilen von kräftigen Ermüdungserscheinungen begleitet ist, die auch von den Gefangenen bemerkt werden. Ich habe bei diesem Gespräch damals nur die Antwort gegeben: „Dann wird in unseren Kirchenbänken die Gemeinde der Heiligen sitzen und drum herum das unbeteiligte Aufsichtspersonal.“ Auch diese Ausflucht ist verwehrt, daß jemand sagt: „Mein Gottesdienst ist in meiner Ortskirche und meiner Ortsgemeinde; ich gehöre hier nicht zur Anstaltsgemeinde.“ Wo Gottes Ehre gepriesen wird, wo Gottes Wort verkündet wird, wo sein hl. Abendmahl gefeiert wird, da ist der HErr mitten unter den Seinen, und darum habe ich jeden Ort und jede Stunde zu ehren, in der sich dieses Wunder wieder einmal ereignet. Ich denke auch daran, daß in den Tagen des Zusammenbruches manche Beamte darum gebeten haben, mit den politischen Gefangenen das hl. Abendmahl genießen zu dürfen. Auf einmal war es ein Trost und ein Schutz, wenn einer als Glied seiner Gemeinde angesehen und geduldet wurde. Soweit in unseren Anstalten Aufsicht auch in den Bibelstunden nötig ist, bedeutet es keine Verletzung der Würde, wenn der aufsichtführende Beamte sich am Gespräch beteiligt. Gerade weil die Aufsicht uns die Verpflichtung auferlegt, daß wir mit den Insassen unserer Häuser nicht vertraulich werden, ist jede Gelegenheit zu suchen, durch die in Tat und Haltung bekundet werden kann, daß zwischen uns vor Christus kein Unterschied besteht.

Es bedeutet dies nichts weniger als ein Einbruch einer neuen Ordnung Gottes in die festgefahrenen Ordnungen dieser Welt. Das Musterbeispiel hierzu bietet immer wieder der kürzeste Brief des Paulus, der an Philemon. Ein Sklave ist seinem Herrn entlaufen. Er kommt durch den Dienst des Apostels Paulus zum Glauben, und dieser verpflichtet ihn, zu seinem irdischen Herrn, dem er gehört, zurückzukehren. Die entlaufenen Sklaven pflegte man im Altertum kurzerhand zu kreuzigen. Hier aber war etwas Unvorgesehenes geschehen. Auch der Herr dieses Sklaven war mittlerweile Christ geworden, und nun kommt die Frage des Apostels an diesen Herrn Philemon: Was willst du mit deinem entlaufenen Sklaven anfangen? Er ist jetzt dein Bruder in Christo. „Vielleicht ist er darum eine zeitlang von dir gegangen, daß du ihn ewig wiederhättest, nun nicht mehr als einen Knecht, sondern mehr denn ein Knecht, als einen lieben Bruder.“ (V.15-16) Wir können uns wohl vorstellen, welche Schwierigkeiten diese Stellung zu einander mit sich brachten. Im Alltag, vor den Augen der Öffentlichkeit, war der eine ein freier Herr, der andere ein Sklave. Im Gottesdienste, als Glied der Gemeinde, waren beide Brüder. Der Herr durfte sich an seinem Bruder nicht mehr vergreifen, der Sklave durfte seinen Herrn nicht mehr betrügen, sonst verleugneten beide, daß sie Glieder der Gemeinde Jesu Christi waren. Dieses alles muß von uns auf das christliche Verhältnis zwischen Beamtenschaft und Gefangenen übersetzt und übertragen werden. Ich sprach davon, daß hierdurch der Einbruch der neuen Ordnung des Reiches Gottes in die festgefahrenen Ordnungen dieser Welt geschehe. Dieses soll aber nicht so verstanden werden, als seien wir Christen Revolutionäre, die eine neue Weltordnung schaffen wollten, die die sozialen Verhältnisse dieser Zeit reformieren wollten oder die, für unseren Fall gesprochen, die Ordnung des Strafvollzuges gefährden wollten. Der Apostel Petrus hat die Sklaven seiner Gemeinde eigens angewiesen, daß sie in ihrem Sklavenstande zu verbleiben und dort sich durch einen besonderen Gehorsam zu bewähren hätten, damit die Welt ihres Gehorsames wegen den Namen ihres Herrn preise. Sie sollten sich in ihrem Sklavenstande so halten, „als die Freien und nicht als hättet ihr die Freiheit zum Deckel der Bosheit, sondern als die Knechte Gottes.“ (1. Petrus 2,16). Auch der christliche Wachtmeister, der in einem Gefangenen seinen christlichen Mitbruder sieht, hat es sich energisch zu verbitten, wenn der Gefangene auf Grund dieser Verbundenheit, die beide in Christus haben, sich unangemessene Freiheiten herausnehmen will, und der Gefangene, der in seinem Aufseher einen christlichen Bruder sieht oder gefunden hat, hat durch ein besonderes Maß von Gehorsam und Unterordnung unter Beweis zu stellen, daß unser HErr Jesus Christus mit Empörern und Aufrührern nichts zu tun haben will, sondern er muß gewillt sein, als ein Knecht Christi die notwendigen Ordnungen dieser Welt ehrfürchtiger zu respektieren, als er dies ohne Christus täte. Wenn wir hier mancher Schwierigkeit aus dem Wege gehen wollen, machen wir uns das Leben zwar leichter und einfacher aber auch um vieles ärmer. Wir gehen dann eben der grundsätzlichen Spannung aus dem Wege, die immer wieder die Nachfolge Christi in dieser Welt mit sich bringt. Es ist oft das Schlagwort gebraucht worden von einer fruchtbaren Spannung. Wenn dieses Wort je eine Berechtigung hat, dann in unserem Falle, wo der Christ unter den Wachtmeistern, der Christ unter den Gefangenen, sich darüber Rechenschaft geben müssen, wie sie als Brüder sich zueinander stellen sollen, ohne ihren weltlichen Unterschied unsachgemäß preiszugeben, ohne ihre christliche Gleichheit unbrüderlich zu verleugnen.

 

Die Gemeinde im Zuchthause übt Kritik an der Gemeinde draußen.

Dieser Satz ist zunächst einmal eine Feststellung und will noch nichts darüber sagen, wie weit die Kritik der Insassen unserer Häuser an der christlichen Gemeinde berechtigt oder unberechtigt ist. Jeder, der mit unseren Gefangenen über diesen Punkt ins Gespräch kommt, wird aber erfahren, wie leidenschaftlich diese Kritik zuweilen sich äußert. Jeder kennt die Redensart: „Ist das ein christliches Gericht, sind das christliche Beamte, ist dies ein Strafvollzug in einem christlichen Staat“? Es gilt hier, das Berechtigte vom Unberechtigten sorgfältig zu unterscheiden. Es ist sicherlich nicht berechtigt wenn ein Mensch, der zwar getauft ist, aber sich nie zur Gemeinde gehalten hat, auf einmal Kritik übt an dem Verhalten der Gemeinde gegen ihn. Es kann mit Recht darauf hingewiesen werden, daß die Gemeinde nicht anders aussehen kann, als er und ungezählte seiner Kameraden aussehen. Es bricht hier manchmal ein Verlangen auf, das ich nicht anders bezeichnen kann als das Verlangen nach der Herde und nicht nach dem guten Hirten. Der Gefangene denkt ständig an all die Fragen, die mit seiner Entlassung zusammenhängen. Er möchte dann Menschen finden, die ihn aufnehmen. Er spekuliert in erster Linie auf die Christen, und der Rückfällige kann von grausamen Enttäuschungen in diesem Punkte berichten. Wahrscheinlich hätte er aber nie daran gedacht, anders zu handeln als die Menschen, über die er sich jetzt beschwert, wenn er in ihrer Lage gewesen wäre. Wir können unseren Leuten nicht dringlich genug sagen, daß dies Verlangen nach der Herde nicht berechtigt ist, sondern daß sie zunächst einmal zum Gehorsam unter dem guten Hirten zurückkehren müssen, denn nur durch ihn, den Hirten, werden sie zur Herde finden. Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, wenn jemand sagt: „Wäre mein Elternhaus anders gewesen, wäre ich in einer christlichen Umgebung groß geworden, dann wäre mein Lebensweg anders verlaufen“. Soweit aber dieser Vorwurf nur eine Ausflucht darstellt, um der eigenen Bekehrung aus dem Wege zu gehen, muß er von uns auf das allernachdrücklichste zurückgewiesen werden. Am wirksamsten scheint mir immer die Entgegnung zu sein, daß wir sagen: „Nichts steht im Wege, daß wir sofort hier auf der Stelle eine Gemeinde Jesu Christi bilden, denn wo zwei oder drei zusammen sind in seinem Namen, da ist Er mitten unter ihnen; da ist Seine Gemeinde im wahrsten Sinne des Wortes vorhanden“. in diesem Punkte wird es sich entscheiden, ob das Verlangen nach der christlichen Gemeinde, ob die Kritik an dieser Gemeinde echt oder unecht ist. Das Schutzbedürfnis eines verirrten Gliedes der Herde schafft noch keine aufrichtige Bekehrung zum guten Hirten. Ein Gefangener machte mich in diesem Zusammenhang auf folgendes Psalmwort aufmerksam (78,34-38): „Wenn er sie erwürgte suchten sie ihn und kehrten sich zu Gott und gedachten, daß Gott ihr Hirte ist und Gott der Höchste ihr Erlöser und heuchelten ihm mit ihrem Munde und logen ihm mit ihrer Zunge, aber ihr Herz war nicht fest an ihm und hielten nicht treulich an seinem Bunde. Er aber war barmherzig und vergab die Missetat und vertilgte sie nicht und wandte oft seinen Zorn ab und ließ nicht seinen ganzen Zorn gehen“. Jede Kritik an der Gemeinde in unseren Häusern muß sofort fruchtbar umgesetzt werden in ernsthaften Willen, es anders zu machen und untereinander es anders zu halten.

 

Die Gemeinde im Zuchthaus darf erwarten, besucht zu werden.

Ich kann mir wohl ersparen, all die Schriftworte anzuführen, die uns als Christenheit gerade den Besuch der Gefangenen zur Pflicht machen. Bekannt ist ja das eine, wo unser HErr Jesus Christus sagt: „ich bin gefangen gewesen und ihr habt mich besucht, — ich bin gefangen gewesen und ihr habt mich nicht besucht“. Wir wollen dabei bedenken, daß unser HErr nicht davon redet, ob man schuldig oder unschuldig gefangen ist. Die Gemeinde Jesu Christi ist angewiesen, sich um ihre schuldig gewordenen Glieder zu kümmern. Nun bestehen in unserer Kirche eine ganze Reihe Wohlfahrtseinrichtungen, auch solche, die sich mit dem Schicksal der Strafentlassenen befassen. Es bestehen Fürsorgevereine, es gibt ein Hilfswerk, es gibt Arbeiterkolonien usw. So nützlich es ist, daß die Hilfstätigkeit der Gemeinde organisatorisch zusammengefaßt wird, so bedeutet dies alles noch keine Ablösung der ursprünglichen Pflicht, die wir alle als Glieder des Leibes Christi an unseren Brüdern in der Strafhaft haben. Jede Organisation neigt dazu, eine dieser Pflichten zu verdinglichen und zu versachlichen, weil dann der von Hilfsbedürftigen angesprochene Christ sich allzuleicht damit tröstet: für diesen Zweck gibt es ja Einrichtungen, für die ich meine Beiträge zahle. Ich will hier auf ein naheliegendes Beispiel hinweisen, das nicht mit dem Strafvollzug zusammenhängt. Es ist Aufgabe der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, obgleich Schule und Kirche vorhanden sind. Wenn ein Kind auf Abwege kommt, dann darf das Elternhaus nicht ohne weiteres sagen, daß Schule und Kirche an ihrem Kinde versagt hätten, sondern sie haben sich zunächst einmal selbst zu prüfen, ob sie nicht gemeint haben, ihre Erziehungspflicht an ihrem eigenen Kinde auf Schule und Kirche abwälzen zu können. Ähnlich ist es in unserem Falle. Auf keine kirchliche Organisation können wir unsere Pflicht der Barmherzigkeit gegenüber dem Straffälligen abwälzen.

Es ist nun die große Frage, wie die christliche Gemeinde sich ihrer straffälligen Glieder in unseren Häusern annimmt, denn dadurch, daß auch in unseren Häusern die Gemeinde der Heiligen sich sammelt, ist sie ein Teil der gesamten Christenheit und will es auch irgendwo spüren und merken. Aber in welcher Art und Weise können wir überhaupt die Gemeinde in unseren Häusern merken lassen, daß die Gemeinde da draußen ihrer gedenkt und sich ihrer annimmt? Es wird mir wohl jeder zustimmen, daß es eine allzu billige Ausflucht wäre, jetzt zu sagen, es gibt ja in unseren Anstalten Pfarrer. Gewiß sind wir in unserem Amte und Dienste Abgesandte einer christlichen Gemeinde und ihres HErrn. Aber unsere Eigenschaft als Staatsbeamte oder vertraglich Angestellte schafft hier eine Verdunklung unseres Amtes. Ich glaube nicht, daß allzuviel dadurch gewonnen wäre, wenn wir die Eigenschaft des Beamten aufgäben und nur von der Kirche entsandt und besoldet würden. Auch als Diener der Kirche haben wir z.Zt. die Eigenschaft eines Beamten. Wir brauchen ja bloß daran zu denken, wie oft uns auch in der Gemeinde draußen unsere amtliche Stellung im Wege ist und unsere Glaubwürdigkeit gefährdet. Wir dürfen es dem Staat nicht verübeln, wenn er schon einmal gewillt ist, die Seelsorge in seinen Strafanstalten zuzulassen, daß er dann die Personen, die diese Seelsorge ausüben, selbst mitbestimmen, sich selbst verpflichten und selbst beaufsichtigen will. Es liegt nun einmal im Sinne des Strafvollzugs, daß er dem Gefangenen die Verbindung nach draußen beschränkt und abschneidet. Auch die christliche Gemeinde darf hier keine Ausnahme für sich in Anspruch nehmen. Ich brauche nicht davon zu reden, welche Schwierigkeiten dadurch entstünden, wenn im Strafvollzug unerfahrene Helfer in unseren Anstalten auftauchten und dort sicher mit gut christlichem Wollen manches Ungeschick anrichten würden. Weil nun einmal der Strafvollzug diese Beschränkung der Freiheit und des freien Verkehrs in sich schließt, werden die Verbindungslinien zwischen der Gemeinde in unseren Häusern und den Gemeinden draußen nur immer zeichenhaft gezogen werden können, aber an einigen Zeichen sollte es doch nirgendwo fehlen. So ist z.B. versucht worden, an Gefangene, die keine Angehörigen mehr haben, zu Weihnachten von der Hand eines unbekannten Christen einen Gruß zu schicken. Wir dürfen wohl sagen, daß diese Briefe oft ein überraschendes Echo gefunden haben, aber gleich daneben droht ja die Gefahr, daß diese christliche Verbindung, die sich hier anknüpft, dann später in irgend einer Weise ausgenutzt wird. An einem anderen Orte entsendet der Kirchenkreis regelmäßig Älteste zum Gottesdienst der Gefangenen. und schon die Anwesenheit der Ältesten ist ein Zeichen dafür, daß die Gemeinde ihre Glieder nicht vergißt. In einigen Anstalten ist es möglich, daß auch die Familien der Beamten am Gottesdienst der Gefangenen teilnehmen. Ich halte dieses für ein besonders glückliches Zeichen, daß wir alle uns zu einem Herrn bekennen und in einer Liebe miteinander verbunden sind. Zuweilen gelingt es auch, einer Singgruppe oder Spielschar Zutritt in unsere Häuser zu verschaffen. Ich wäre begierig, aus Ihrer Mitte zu erfahren, wie in den Anstalten, an denen Sie tätig sind, diese christliche Verbindung zwischen draußen und drinnen sichtbar wird, — trotz aller Beschränkung, die uns der Strafvollzug auferlegt und die wir unbedingt zu respektieren haben.

Wenn einer das Thema „Die Gemeinde der Heiligen im Zuchthaus“ auf seiner Tagesordnung gelesen hat, so wird er wohl gedacht haben, unsere Häuser stellten den ungeeignetsten Ort dar, wo von der Gemeinde der Heiligen irgend etwas sichtbar werden und sich verwirklichen könnte. Meine Absicht war aber, Ihnen zu zeigen, daß gerade unsere Häuser Orte einer besonderen Verheißung sind, nicht Orte besonderer Möglichkeiten, die wir Menschen wittern, sondern Orte, die unser HErr Jesus Christus ganz besonders im Auge hat, wenn er die Sammlung und Vollendung Seiner Gemeinde will. Sehr oft bewegt sich ja die Verheißung unseres HErrn genau entgegengesetzt zu dem, was wir für möglich halten. Wenn es nicht so wäre, dann brauchten wir an Wunder nicht zu glauben. Ich möchte gern, daß Sie von dieser Stunde das mitnehmen, daß auch wir als Christen unsere Häuser innerlich nicht abzuschreiben und uns dort christlich nicht auf verlorenem Posten zu fühlen brauchen. Wenn ich Ihnen zu Ihrem christlichen Dienst in unseren Strafanstalten einigen Mut und einige Freudigkeit geben könnte, dann würde ich meine Aufgabe für erfüllt halten.